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Beate Zimmermann Wie das Reden vom Immunsystem leibhaftig wird Noch vor zehn Jahren schien mir der Blick auf das Immunsystem eine fortschrittliche Alternative verglichen mit dem Blick auf Mandeln, Mägen und Herzen, schien mir die Vorstellung, etwas zu stärken, das in uns steckt, richtiger, als etwas herauszuschneiden, das uns stört. Es schien die Maschinenvorstellung des Körpers zu überwinden und präsentierte sich als wissenschaftliche Grundlage einer ›Ganzheitsmedizin‹. Inzwischen ist das Immunsystem allüberall. Es liefert die Erklärung alter wie neuer Krankheiten, diktiert und verändert Eßgewohnheiten und begründet die Forderung nach einem gesunden, selbstverantwortlichen Lebensstil. Es ist mir suspekt geworden in seiner Allmacht. Ich meine, wir müssen uns mit dem »Immunsystem« auseinandersetzen, – weil es aus dem Menschen ein System mit Programm macht – weil es aus Krankheit einen Fehler im System macht – weil es den Menschen sich selbst zum Feind macht – weil Menschen ihren Empfindungen nicht mehr trauen können – weil Leben das System überhaupt stört – weil individuelles Verhalten zum Versagen des Systems führen kann – weil seit AIDS das Immunsystem die Menschen auseinanderbringt – weil vor dem Immunsystem alle Menschen eins sind – weil es neue medizinische Abhängigkeiten schafft – weil das Immunsystem einzig gentechnologisch hergestellte immun-analoge Produkte schafft – und weil es am Ende keine Lösung anbieten kann. Um etwas Ordnung in diese Behautpungen zu bringen, will ich einiges aus der sehr jungen Geschichte des Immunsystems erzählen, will die Bilder beschreiben, mit denen das System uns nahegebracht wird, und will zeigen, wie sich diese Gedankenwelt über unser Leben und Handeln stülpt. Auf der Suche nach den Ursprüngen des Immunsystems Im English Oxford Dictionary finde ich unter dem Stichwort »immunity« Angaben seit dem Jahr 1341. Immunität bedeutete zunächst eine besondere Eigenschaft eines Menschen oder eines Platzes und zwar im politisch-ökonomischen Sinn. Ein Mensch aus Kirche, Adel oder Bürgertum war frei von öffentlichen Pflichten, hatte Privilegien, mußte keine Steuern oder Abgaben zahlen, nahm also gegenüber anderen »Gewöhnlichen« eine privilegierte Stellung ein – genoß »Immunität«. Später im 19. Jahrhundert werden weitere Merkmale der Unversehrtheit damit bezeichnet, nämlich auch frei zu sein von Gift, von einer ansteckenden Krankheit. Erst Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts finde ich das Wort »immunology« als Bezeichnung für die Wissenschaft, die sich mit den Phänomenen und Ursachen der körperlichen Immunität beschäftigt. Mit Beginn der 50er Jahres dieses Jahrhunderts erscheint eine große Zahl immun-kombinierter Wörter: Immun(o)- biologie-chemie-defizienz-suppression-transfusion-diffusion -pathologie-fluoreszenz-genetik -prophylaxe-elektrophorese und viele andere mehr. Die unendliche Zahl der möglichen Verknüpfungen sprachlicher Art präsentiert ein System, das als eigenes Wort an dieser Stelle nicht erwähnt wird. Wissenschaftshistoriker und Immunologen haben Ende der 80er Jahre dieses Jahrhunderts dennoch den 100. Geburtstag des Immunsystems gefeiert und die letzten hundert Jahre als einen lückenlosen Siegeszug hin zum heutigen Immumsystem beschrieben. In drei Büchern, die ich dazu kenne, wird ein russischer Embryologe, Elie Metchnikoff, zum Geburtshelfer einer Entwicklung erklärt, die im Immunsystem endet. In dem 1991 erschienenen Buch Metchnikoff and the Origins of Immunology wird aus Metchnikoffs Autobiographie folgende Geschichte zitiert, die ich zusammengefaßt und frei übersetzt wiedergebe: Metchnikoff betrachtet unter dem Mikroskop die durchsichtige Larve eines Seesterns. Kein Blutgefäß, kein Nervenbündel verstellt den Blick auf die wandernden weißen Blutzellen. Ihn durchfährt plötzlich die Idee, daß diese weißen Körperchen auch eine Funktion gegen Eindringlinge haben könnten (a new thought suddenly flashed across my brain). Im Garten holt er einen Rosendorn und verletzt die Seesternlarve und kann nach einer schlaflosen Nacht beobachten, wie die weißen Blutkörperchen sich um den Eindringling »Dorn« versammelt haben, um ihn in einer entzündlichen Reaktion hinauszuwerfen.1 Hier scheint die Idee geboren worden zu sein, daß es Angreifer und Verteidiger gibt, daß eine Entzündung eine selbsterhaltende, rettende Eigenaktivität des Körpers ist. Bei Metchnikoff war der Eindringling ein sichtbarer: ein Dorn – inzwischen werden wir vielmehr von Unsichtbarem, von Viren, Pollen, chemischen Agentien und neuerdings von Wellen und Strahlen angegriffen, und der Körper reagiert hierauf entweder immunologisch korrekt oder mangelhaft, und wir erkranken. Mit diesem Bild von Angriff und Verteidigung sind wir groß geworden, wir haben es längst in unsere Wahrnehmung von Körper, Umwelt und Krankheit integriert. Anne Marie Moulin (C.N.R.S.-Paris und Institut of the History of Medicine, John Hopkins University/Baltimore) beschreibt in vielen Beiträgen die rasante Ausprägung der Immunologie zum eigenen Fach. Zu Beginn des Jahrhunderts war die Immunologie Teil der Bakteriologie und überrundete dieses Fach erst in den 70er Jahren. A. Moulin schreibt, daß in den 50er Jahren das Wort »Immunsystem« in kaum einem Stichwortregister der naturwissenschaftlichen Literatur zu finden war, während umgekehrt in den 70er Jahren nicht ein Buch erscheint, in dem die Immunologie keine zentrale Rolle spielt. Als wesentlicher Wendepunkt gilt das »Cold Spring Harbour Symposium on Quantitative Biology« im Jahre 1967, auf dem das »Immunsystem« als Forschungsfach akzeptiert und definiert wird. Die Herausbildung eines »Systems der Immunologie« in den 60er Jahren hat seither auch das Denken der PatientInnen und MedizinerInnen verändert. In der Vor-System-Ära war die Immunologie noch organgebunden. Die Milz, der Thymus, die Lymphknoten waren die Orte, an denen sich die Immunität eines Menschen festmachen ließ. Die Organe konnten getastet werden, sie konnten verstopft, geschwollen oder verhärtet sein. Man konnte sie behandeln mit Pflanzen, Mineralien, Massagen, sie konnten gereinigt, zum Fließen gebracht, therapiert werden. Die Lymphozyten – sie wurden in B und T unterteilt – beschrieben mit ihren Vornamen den Ort ihrer Entstehung: T bedeutete Thymus, B war die vage Beschreibung von Lymphknoten, die der Bursa Fabricii der Vögel analog waren und sich irgendwo am Darm befanden. Heute finde ich zu meinem Erstaunen, daß »B« für »Bone« = Knochen steht. Ein Glück, daß Bursa und Bone mit B beginnen, sonst hätte zumindest eine Medizinergeneration umgeschult werden müssen, und die Lehrbücher hätten neu gedruckt werden müssen. Mit der Geburt des Systems ist die Abwehrkraft bzw. die Immunologie ortlos, zeitlos und empfindungslos geworden. Mit einem Immunsystem werden wir geboren, seine Fehler sind genetisch bedingt, an ihm liegt es, ob wir irgendwann in unserem Leben von Allergien, Krebs oder Autoimmunkrankheiten befallen werden. Es tut nie weh, wird nie dick oder dünn, rot oder blaß. Es ist immer da, von uns nicht erkannt, und kann eigentlich nur mit Hilfe von Laborparametern geortet und eingeschätzt werden. Die Idee des Immunsystems ähnelt dem Programm eines Computers. Es sind die Experten, die löten und schalten, Widerstände einbauen und die Festplatte programmieren. Daß wir ein Immunsystem »sind«, scheint uns keine Vorstellungsprobleme zu bereiten. Wir würden nicht sagen: »Ich bin ein Nervensystem« – eher schon ein Nervenbündel. Wir wissen, daß wir nicht Hirn plus Nervenfasern sind. Anders beim Immunsystem: Es ist einfach immer und überall gegenwärtig, verbindet alles und jedes, managt Hormone und Nervenübertragung, ist immateriell, ortlos und ungreifbar. Die körperlichen Symptome, die dem Immunsystem zugeordnet werden, sind grenzenlos: die ausgefallenen Haare, der Brustkrebs, der wiederholte Pilzbefall an den Fußnägeln, der Herpes am Muttermund, Bedrohliches als auch Alltägliches. Die Veränderung der Immunologie vom organgebundenen Geschehen zum System war seinerseits ein langwieriger Prozeß der Herstellung und Definition, der Konstruktion eines systemischen Zusammenhangs und ist in seinem Werden bis heute nicht abgeschlossen. Die Vielzahl der sichtbar zu machenden Zellen und der zu messenden Antikörper fügte sich erst im Laufe der Jahre zu dem, was wir heute das Immunsystem nennen. Für mich bleibt das Erstaunen, wie aus der Idee eines sich selbst helfenden und heilenden Körpers das Bild eines autoaggressiven, unkontrollierbaren Systems werden konnte, das wir sein sollen. Daneben bleibt als Frage, weshalb Menschen, ÄrztInnen, ForscherInnen und PatientInnen, dieses Bild so leicht in ihre eigene Wahrnehmung integrieren konnten und Politiker dieses Körperbild so leicht für sich instrumentalisieren konnten. Vom Krieg zum Bürgerkrieg Die Bilder, die das Immunsystem transportiert bzw. von denen es selbst Gestalt bezieht, haben sich in den letzten Jahren gewandelt und sind in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten durchaus unterschiedlich. Zu Zeiten, als das Bakterium der Hauptfeind des Menschen war (Syphilis, Tuberkulose, Diphtherie ...), als Erreger von außen in den Menschen eindrangen und nur durch Antibiotika in Schach gehalten werden konnten, war Krankheit ein Krieg zwischen innen und außen, zwischen fremdem Angreifer und heimischer Verteidigung. Der Feind greift an, Legionen von Zellen – mit der Waffe Penicillin in der Hand – marschieren gegen den Angreifer und suchen ihn zu vernichten. Nicht das Immunsystem an sich, sondern der durch Antibiotika oder Impfungen gestärkte Körper schlägt zurück. Zumindest seit AIDS hat sich dieses Bild gewandelt. Es handelt sich heute um eine Auseinandersetzung mit unbekannten Feinden in uns selbst. Sie sind unerkannt in dir, gehören dennoch zu dir und schlagen unbemerkt zu. Nur die ständige Kontrolle kann dein eigenes Entgleisen verhindern. Es scheint auch den Benutzern dieser Bilder klar zu sein, wie sehr das politische Geschehen ihr Denken beeinflußt. So lese ich in den AIDS-Nachrichten des Bundesgesundheitsamtes: »Vom erkenntnistheoretischen Standpunkt aus spielen vielleicht auch die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eine Rolle. Mitte der achtziger Jahre war die Welt noch charakterisiert durch den Ost-West-Gegensatz, der den Feind nach außen projizierte. Mittlerweile, nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers, verschärfen sich überall die innergesellschaftlichen Widersprüche. So spielt womöglich auch der Zeitgeist eine Rolle dabei, was für ein Bild sich die Menschen von einer Krankheit machen, vor allem, wenn es sich um eine neue Krankheit handelt.«2 Für Laien und Nutzer dieses Gesundheitswesens wird die Botschaft dramatischer verpackt: »Die körpereigene Abwehr ist ein ungewöhnliches Organ: Wir sehen und spüren es nicht. Unauffällig sichert es unser Dasein. Doch wehe, wenn seine Wachsamkeit erlahmt. Wir würden den nächsten Tag nicht mehr erleben. Denn unser Immunsystem mit seinem Heer von Millionen mal Millionen Abwehrzellen schützt unseren Körper vor gefährlichen Erregern und säubert ihn von Krebszellen. Zusammengetragen wäre dieses Heer kaum größer als eine Pampelmuse. Aber die Abwehrzellen klumpen nicht zusammen. Stets patroullieren sie in unserem Körper vom Scheitel bis zur Sohle. Zu ihnen zählen schlichte Streifenpolizisten für die immunologische Dreckarbeit ebenso wie hochspezialisierte Detektive für die Fahndung nach Viren, die sich in den Zellen des Körpers verstecken. Andere Wächter der Gesundheit merken sich die molekularen Steckbriefe eigener und fremder Gewebe: Diese ›Gedächtniszellen‹ erinnern sich nicht nur an einige wenige dieser Steckbriefe für ein paar Minuten, sondern – alle zusammen – an Millionen unterschiedlicher Molekülstrukturen bis ans Ende des Lebens.«3 Oder eine noch herbere Kostprobe: »Killer-Viren, Geheim-Terroristen im Körper. Sie sind unfaßbar klein, unglaublich gemein und immer öfter tödlich. Der Feind ist unheimlich, unsichtbar und unberechenbar. Perfekt getarnt hat er sich ins System eingeschleust, zielstrebig die Schaltstellen der Spionageabwehr infiltriert, unbemerkt im Eiltempo eine Elitetruppe von Spitzeln aufgebaut. Eine Terroreinheit, die wie der Spion selbst die Macht übernehmen will und ausgestattet ist mit der Lizenz zum Töten.«4 Diese neuzeitlichen Infektionsszenarien benutzen, zumindest in deutscher Sprache, Begriffe, die allesamt dem stattlichen »Antiterrorismus« der 70er Jahre entlehnt sind. Der Feind kann neben dir sitzen, sei es ein Virus oder dein eigenes Immunsystem. Die wichtigste Botschaft: Du bist ausgeliefert, nirgendwo gibt es Sicherheit, nichts kannst du selbst erkennen oder beeinflussen. Dein Körper bist nicht du, sondern er ist ein Schauplatz unkontrollierbarer Gewalt. Ich erinnere mich an einen Aufklärungscomic zu AIDS an einer Schule im Ruhrgebiet. In dem Comic stritten »Terroristen« über verschiedene Strategien, an die Macht zu gelangen. Eine Position vertrat den frontalen Angriff, die andere vertrat die Taktik des unerkannten Einschleichens ins Zentrum der Macht bis zur unblutigen Übernahme. Nun denn: Mit AIDS hat sich die zweite Position durchgesetzt. In den letzten Jahren hat sich über das »Anti-Terror«-Modell des Immunsystems ein weiteres Bild geschoben, welches gleichfalls deutlich der politischen Sphäre entnommen ist: das des »Volkskörpers«, welcher von »Fremden« überschwemmt wird. Der Soziologe Alois Hahn faßte diese Analogie zwischen AIDS und asylsuchenden Menschen in einer kritischen Analyse des Denkens der rechtsradikalen französischen »Front National« wie folgt zusammen: Der individuelle Körper wird bedroht von einem Virus von außen, der soziale Körper wird überflutet von fremden Flüchtlingen. »Die Aids-Gefahr geht von den Fremden aus. Die Hölle, das sind die anderen. Das Volk ist rein, tugendhaft und gesund. Deshalb müssen zunächst die Fremden einem Test unterzogen werden.«5 Walter Moser führt diesen Gedanken Alois Hahns weiter aus: »Der Fremde ist also suspekt als möglicher Krankheitsträger (im medizinischen Sinne), aber zugleich auch als möglicher Krankheitserreger und Unruheherd (im politischen Sinne). Deshalb soll er zur Bewahrung der Integrität der Einzelkörper, aber auch des Kollektivkörpers, noch bevor er in den Körper eindringt, an der Grenze gestoppt und getestet werden.«6 Daß diese rassistische Interpretation des Immunmodells nicht auf Frankreich beschränkt ist, zeigt eine Nachricht jüngeren Datums, die unter dem Titel Braune Soße zum 1.Mai in der taz erschien: »Auch in München gab es gestern einen Versuch, den Tag der Arbeit von rechtsaußen zu vereinnahmen. Der ›Bund Freier Bürger‹, die Partei des Ex-FDPlers Manfred Brunner, lud zum Protest in den Münchner Löwenbräukeller. Vor knapp 1.000 Zuhörern, mehrheitlich Männern zwischen 50 und 65, schlug Parteichef Brunner deutlich nationalistische Töne an. So gebe es in Deuschland, wie bei einem menschlichen Körper. ›Bazillen, Viren oder Krankheitserreger, die den Menschen anfechten‹. Deshalb gehe es jetzt darum, ›das Immunsystem des deutschen Volkes zu stärken‹.«7 Soweit die bisher aggressivste Vorstellung vom Immunsystem, die biologistisch die Ausgrenzung von Menschen rechtfertigt. Die politisch-soziale Kontextabhängigkeit solcher Modelle hat die amerikanische Anthropologin Emily Martin für die USA untersucht. Sie befragte Hunderte von Menschen nach ihrer inneren Vision des Immunsystems und bemerkte, daß junge Amerikaner, die weder den Zweiten Weltkrieg noch Vietnam miterlebt haben, kaum kriegerisches Vokabular verwenden. In ihrer Sprache dominiert eher der Kontrollgedanke, das Bild von einer Instanz, die dazu da ist, ihren Körper zu kontrollieren, auf alle äußeren und inneren Einflüsse zu reagieren und eine Balance zu wahren. Das Immunsystem ist demnach die Schaltstelle, die den Menscheb flexibel auf die unterschiedlichsten Herausforderungen der Wirklichkeit reagieren läßt.8 Eine amerikanische Naturwissenschaftlerin, Donna J. Haraway, stellte bei einem Vergleich graphischer Darstellungen des Immunsystems fest, daß diese in einem Zeitraum von nur 14 Jahren (1968-82) viermal völlig neu entworfen wurden. Gleichzeitig stieß sie auf ein Entdeckerpathos, das Wissenschaft in Kategorien von »Raumschiff-Enterprise«-Reisen erlebt. »Wissenschaft als heroische Suche und als erotische Technik, die auf den Körper der Natur angewandt wird, ist zu einer gebräuchlichen Figur geworden. Sie nehmen eine spezifische Stellung im Immunsystem-Diskurs des späten 20. Jahrhunderts ein, in dem die Szenarien atomarer Vernichtung, außerirdischer Bedrohungen, exotischer Invasoren und militärischer Hochtechnologie beherrschend geworden sind.«9 Die verschiedenen Bilder, die man sich vom Immunsystem in verschiedenen Zeiten und Ländern gemacht hat, werfen für mich eine einfache Frage auf: Ob uns in dem Übermaß an Daten, Strukturen und Modellen nicht vielleicht eine alte Einsicht verlorengegangen ist, daß nämlich auch Naturwissenschaftler nur das sehen und beschreiben, was ihnen gedanklich vertraut ist, und daß naturwissenschaftliche »Wahrheit« sich blitzschnell in ein Erklärungsmuster gesellschaftlicher Wirklichkeit verwandeln kann. Solange die Medien über Andersdenkende und -handelnde als ein Krebsgeschwulst berichteten, das herauszuschneiden sei, wolle denn die Gesellschaft gesunden, war uns dieser Blick noch verdächtig genug, um dagegenzuhalten. Solche Proteste sind gegenüber einem Denken, welches das Immunsystem mit der Abwehr von Fremden konnotiert, deutlich verhaltener geworden. Die Ausbreitung des immunologischen Gedankens körperweit Der Verdacht einer immunologischen Unordnung läßt sich inzwischen bei fast allen Krankheiten äußern. Was die häufigen Infekte und Verschnupfungen im Winter anbelangt, tun wir das inzwischen selbst, und bei Rheuma, Kropf oder gar Schwangerschaft blicken wir hochachtungsvoll auf die Forschungsergebnisse. So erklärte mir kürzlich ein Patient mit Heuschnupfen, er habe keine Allergie, sondern einen erhöhten Immunglobulinspiegel... Tatbestände, Krankheiten, Mißempfindungen, die es immer gab und die hingenommen oder auch therapiert werden konnten, erfahren nun eine Umdefinition. Ein Raster von Immunparametern wird auf sie gelegt, und sofort erscheint Altbekanntes neu und fordert vor allem andere Konsequenzen. Selbst die Schwangerschaft hat sich zu einem immunologischen Ereignis gewandelt. Ich zitiere aus einer Essener Informationsschrift für Gestosekranke: »Bereits Mitte des Jahrhunderts, als in der Transplantationsmedizin die ersten Schritte getan wurden, begann man auch die Schwangerschaft aus transplantationsimmunologischer Sicht zu betrachten. Denn obwohl der Fetus mit seiner Mutter genetisch nur zur Hälfte identisch ist, wird er in einer erfolgreichen Schwangerschaft über 9 Monate vom mütterlichen Immunsystem toleriert, d.h. nicht abgestoßen. Somit kann der Fetus als ein natürliches erfolgreiches Tranplantat in der Mutter angesehen werden.”10 Immunologisch gesehen hält sich demnach das mütterliche Immunsystem während der Schwangerschaft zurück. Tut es das nicht, kommt es zur Fehlgeburt, die Schwangere stößt den väterlichen Teil des Fötus ab und beendet damit die Schwangerschaft. Was läge näher, als die Frau zuvor mit dem Genbestand des Möchtegernvaters zu konfrontieren, um dieses Risiko auszuschalten? Also wurden Frauen die gereinigten Eiweiße ihrer Ehemänner unter die Haut gespritzt. Danach sollen manche Frauen schwanger geblieben sein, andere bekamen lediglich einen Arm, der den Umfang ihres Oberschenkels hatte. Mein Zynismus hat etwas damit zu tun, daß ich fassungslos bin über derartige »Therapien« – aber auch darüber, wie schnell Frauen diese Sichtweise auf Schwangerschaft oder auch Fehlgeburt akzeptieren. Wo bleiben die Frauen mit ihren eigenen Schwangerschaftserfahrungen und ihrem Wissen, wenn letztendlich eine Schwangerschaft nur erfolgreich verlaufen soll, wenn zwei Chromosomensätze sich immunologisch vertragen? In anderen Teilen der Welt hat der Gedanke der Schwangerschaft als immunologisches Ereignis mit umgekehrtem Vorzeichen Fuß gefaßt. So ist in Indien, wo Frauen nach Meinung der Weltbehörden besser nicht oder zumindest weniger häufig schwanger werden sollen, ein Antischwangerschaftsimpfstoff entwickelt und an Frauen erforscht worden, der Antikörper gegen Schwangerschaft produzieren soll. Der Grundgedanke ist zunächst der gleiche: Wenn Frauen schwanger werden verändert sich ihre hormonelle Innenwelt und – wie wir eben aus dem Westen gelernt haben – ihr Immunsystem. Während jedoch in Essen die Schwangerschaft aufrechterhalten werden soll, indem die Frau per Spritze trainiert wird, keine »Antikörper« zu bilden, soll sie in Indien genau diese bilden: allerdings nicht gegen das männliche Eiweiß, sondern gegen ein eigenes Körperprodukt. Ein zur Aufrechterhaltung der Schwangerschaft notwendiges Hormon wird mit künstlich gebildeten Antikörpern ständig außer Kraft gesetzt, so daß die Frau ihre Schwangerschaft nicht halten kann. Voraussetzungen dieser makabren Idee sind: gentechnologische Verfahrenweisen Experimente an Frauen der Glaube, daß eine Schwangerschaft ein Kampf zwischen verschiedenen Eiweißen ist die Akzeptanz von Frauen, sich auf diesen Gedanken überhaupt einzulassen. Die Erfahrung ist – es funktioniert. Frauen mit biologischen Kenntnissen und fachlicher Sprachgewalt finden den Gedanken einleuchtend, während Frauen, die weder wissen, was ein Hormon noch ein Antikörper ist, der »Impfung« noch schutzloser ausgeliefert sind als früheren Verhütungsmitteln, die sie wenigstens mal vergessen oder entfernen konnten (vgl. hierzu die »Internationale Kampagne für den Stop der Forschung an der Impfung gegen Schwangerschaft«, u.a. BUKO-Pharmakampagne, FINRRAGE). Das immunologische Modell verläßt den Körper und erreicht die gesellschaftliche Wirklichkeit In San Diego, USA, arbeitet ein psychoneuroimmunologisches Forschungsinstitut mit HIV-Kranken und ihren FreundInnen und Angehörigen. In einem Vortrag, den ich von einem Mitarbeiter bei einem AIDS-Symposium hörte, berichtete er von folgender Versuchsanordnung und -erfahrung: Freunde und Familienangehörige von HIV-Erkrankten werden psychologisch begleitet und in gewissen Zeitabständen auf HIV getestet, um etwas über Infektionsumstände und -häufigkeit zu erfahren. Bei jedem HIV-Test werden auch die T-Lymphozyten gezählt. Bei positivem HIV-Test werden die T-Lymphozyten nach Bekanntgabe des Testergebnisses erneut gezählt. Erfahren die Menschen, daß sie HIV-positiv sind, verringern sich danach drastisch die Lymphozyten. Daraus wird geschlossen, daß ihr Immunsystem zusammengebrochen ist, was wiederum beweisführend für die Schwere ihrer Erkrankung herangezogen wird. Ausnahmen machen Menschen, die in ihrem Leben zuvor schon einmal eine Todesdrohung überlebt haben, also einen Raubüberfall, einen Flugzeugabsturz, einen schweren Autounfall. Ich will nun nicht fragen, ob und inwieweit die Lymphozyten unser Immunsystem ausmachen, sie stellen es jedenfalls im Labor dar. Interessanter scheinen mir die Konsequenzen dieser Testreihe. Das Immunsystem kann trainiert werden, indem man sich in Todesangst versetzt und diese überwindet. Mithin ist es nicht verwunderlich, wenn in Managertrainings imaginäre Säureseen überquert werden und sich Menschen am Bungee-Seil kopfüber von Hebekränen oder Brücken stürzen. Mutige Menschen haben demnach ein gutes Immunsystem, und Menschen, die öfter an Schnupfen leiden, sind Feiglinge. Oder? Die Versuchsanordnungen beschränken sich aber nicht auf die Erforschung individueller Reaktionsweisen auf äußere Realität, sondern weiten ihre Fragestellung auch auf Konflikte zwischen den Menschen und ihre Widerspiegelung im Immunsystem aus. Gerade hier wird seine gesellschaftliche Definitionsmacht deutlich. In einem Artikel11 finde ich folgenden Versuch beschrieben: Es soll herausgefunden werden, wie Mäuse immunologisch auf Stress reagieren, sozialen Stress. In der Vergangenheit wurden unterschiedliche ›Stressoren‹ gebraucht, bei denen für sich allein einem schon schlecht werden kann: – Immobilisation – die Mäuse durften sich nicht bewegen – Zentrifugation – die Mäuse wurden in einer Schleuder beschleunigt – Elektroschocks. Die Lymphozyten verhielten sich nicht wie erwartet. Mal stieg ihre Anzahl, mal sank sie, mal veränderte sie sich überhaupt nicht. Also wurde das Untersuchungsfeld erweitert: Ein sozialer Konflikt, sagen sie, entsteht durch entgegengesetzte Interessen und äußert sich in aggressiver Interaktion. Also Stress. Entgegengesetzte Interessen entstehen, wenn zwei Mäuse (zwei Menschen?) dasselbe Territorium besetzen wollen. Im Versuch gibt es demnach ein »territorial resident animal« und den»intruder« – und schon gibt es Streit, Stress, und das Immunsystem = Lymphozytenzahlen soll reagieren. Womit wir in fataler Weise wieder bei den Gedanken der »Front National« gelandet wären. In internistischen, immunologischen und Gesundheitszeitschriften findet sich eine Unzahl der unterschiedlichsten Versuchsanordnungen, die oft fast lächerlich anmuten und dennoch die Allgegenwart des Immunsystems dokumentieren. Da werden Menschen dazu gebracht zu »bekennen« (Seitensprünge, Steuervergehen, Lügen), und ihre Lymphozyten werden vor und nach dem Bekenntnis gemessen – und siehe da: Die Wahrheit bessert die Gesundheit. Da werden Ehepaare in der Paartherapie immunologisch begleitet – und siehe da: Wer sich gut streiten kann, bleibt gesünder usw. usf. Bleibt die Frage, wo die vielen gesunden, aber haßerfüllten Menschen herkommen, die Behinderte verprügeln oder Asylheime anzünden? Das Immunsystem hat längst auch unseren Lebensstil und -alltag erreicht. Dem können wir uns vielleicht am schwierigsten entziehen. Haben wir uns nicht alle daran gewöhnt, unser Essen, Trinken und Freizeitverhalten nach dem Gesundheitswert einzuordnen? Sehen wir uns nur die vielen immunsteigernden Programme in AIDS-Aufklärungsbroschüren oder Krebsnachsorgeprogrammen an: Wer auf Fragen nach der Häufigkeit von Fischmarktbesuchen, Vitamintabletteneinnahme, Entspannungsübungen etc. auf eine genügend hohe Punktzahl kommt und überdies »positiv denkt«, eine Humor-Bibliothek besitzt und jeden Tag eine gute Tat vollbringt, kann sich sicher sein, sein Immunsystem gestärkt zu haben... Von menschlichen Problemen, gesellschaftlichen Auseinandersetzungen – kein Wort. Was ist, wenn jemand sich den Fischmarkt nicht leisten kann und auch nicht die Vitamintabletten aus dem Bioladen? Was ist, wenn seine Lebenssituation ein positives, auf die Zukunft gerichtetes Denken unmöglich macht? Wer arm und marginalisiert ist, kann eigentlich nur krank sein, und wer krank ist, ist zumindest schuldhaft beteiligt. Übertreibungen. Und doch hat jede brustkrebskranke Frau schon erlebt, wie auch die besten Freunde auf den Speiseplan und die Spaziergänge schielen und darauf achten, ob sie denn auch alles richtig macht, um eine weitere Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes zu verhindern. Was bleibt? Das Immunsystem ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen, es springt uns aus jedem Apothekenschaufenster an. Wir können aber wenigstens versuchen, es nicht selbst ständig zu bemühen, wenn es um unser körperliches Wohlbefinden geht, können versuchen, das geschlossene System, das der Körper sein soll, wieder zu durchbrechen und Lücken zu lassen für Unerklärliches und auch Unverständliches, und wir können uns bemühen, die Pathologisierung menschlichen Verhaltens, die Immunologisierung von Wut, Trauer und Freude zurückzuweisen.
1 zit. nach: Alfred J. Tauber/Leon Chernyak: Metchnikoff and the Origins of Immunology, New York/Oxford 1991, S. 9f 2 AIDS-Nachrichten 3/92, S. 5f 3 GEO-Wissen v. 9.5.1988, S. 26 4 Petra 10/91, S. 201 5 zit. nach: Walter Moser: Der Varela-Effekt der Biologie auf den gesellschaftlichen Körper, in: KultuRRevolution Nr. 27, Aug. 1992, S. 18-25, hier: S.20 6 ebd. 7 taz v. 2.5.96, S. 2 8 vgl. Emily Martin: Flexible Bodies: tracking immunity in American culture – from the days of polio to the age of AIDS, Boston/Massachusetts 1994 9 Donna J. Haraway: Simians, cyborgs, and women: the reinvention of nature, New York/London 1991, S. 205 10 Mark Lyte/Scott G. Nelson/Michael L. Thompson: Innate and Adaptive Immune Responses in a Social Conflict Paradigm, aus: Clinical Immunology and Immunopathology 57/1990, S. 137-147 |