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Vorwort: Aber wir haben immer auf das Leben gesetzt "Aber wir haben immer auf das Leben gesetzt", sagt uns eine der Frauen, die bereit waren mit uns in die Vergangenheit zu schauen, als wir uns 1995 in Uruguay aufhielten. Erfahrungen und Erlebnisse, die Hörerin und Hörer, Leserin und Leser nicht mehr loslassen - und wer sie erlebt hat, trägt sie ohnehin immer mit sich. Kampf um Befreiung und soziale Gerechtigkeit, Repression, Verhaftung, Todesdrohung und Folter - in vielen Teilen der Welt erlebt, erschreckend aktuell. Gezeichnet die Menschen, die das erlebten, in ihrem Ringen um Erinnern und Auseinandersetzung in einer oftmals auf Verdrängen und Vergessen dringenden Umwelt alleingelassen und übertönt, weil stört, was nicht dem Profit dient und die Marktgesetze vorantreibt. Für diejenigen, die Folter und Haft erlebten und erlitten, eine Fortsetzung ihrer traumatisierenden Erfahrungen, wenn auch auf anderem Terrain. Diesem Thema, dem Erinnern und der Verarbeitung traumatisierender Extremsituationen, galt schon längere Zeit unser Interesse. Wir suchten nach Materialien, Berichten, therapeutischen Arbeiten, lasen und hörten. Erfahrungen kennenzulernen und nutzbar zu machen auch für diejenigen, die hier viele Jahre lang unter der Isolationshaft litten, war unser Ausgangspunkt. Dabei stießen wir vor allem auf Berichte und Arbeiten aus Lateinamerika, Erfahrungen von therapeutischen Einrichtungen aus Chile, Argentinien, El Salvador, Uruguay, wie auch auf Schilderungen der Hafterfahrungen selbst, literarisch verarbeitet oder erzählt. Leider ist nur wenig in deutsch übersetzt erhältlich, wie "Ohne Haß keine Versöhnung" von David Becker, einem Therapeuten aus Chile, oder "Wie Efeu an der Mauer. Erinnerungen aus den Kerkern der Diktatur" von Eleuterio Fernández Huidobro und Mauricio Rosencof. Uns aber beschäftigte vor allem, was in den uns zugänglichen Materialien nicht thematisiert wurde: Wie erleben Frauen die Haft, die Entlassung, den Umgang mit anderen Menschen? Worin unterscheiden sich, abgesehen von immer vorhandenen individuellen Unterschieden, die Erfahrungen der Frauen von denen der Männer, was sind spezifische Erlebnisweisen, in der eigenen Verarbeitung und im Spiegel der anderen?
Wir, das sind Monika Berberich, Gefangene aus der RAF von 1970-88, seitdem Solidaritätsarbeit zu politischen Gefangenen, und Irene Rosenkötter, einige Jahre Arbeit in der Angehörigengruppe der politischen Gefangenen und in Solidaritätsgruppen, Medizinstudentin. Unter diesen Fragestellungen trafen wir uns mit Yessie Macchi, Tupamara, die viele Jahre in Uruguay inhaftiert war, einige davon als Geisel, wie sie in diesem Buch auch berichten wird. Als wir uns 1994 bei den Dreharbeiten zu dem Film Und plötzlich sahen wir den Himmel über Frauenbiographien aus dem Widerstand in Uruguay und Deutschland kennenlernten, versuchte sie bereits seit einigen Jahren, in Uruguay eine Auseinandersetzung über frauenspezifische Themen voranzutreiben. Sie lud uns in ihr Land ein, um unsere Arbeit im gemeinsamen Austausch weiterzuführen. Daß wir auf diese Weise nach Uruguay kamen, hat neben den Freundschaften, die entstanden sind und dem kulturell recht europäischen Charakter des Landes, sicher auch damit zu tun, daß Uruguay in diesem Sinne von Verarbeiten und Erinnern ein besonders geprägtes Land ist. Zwar ist die wirtschaftliche Situation schlecht, Multinationale Konzerne ziehen sich aus dem Land zurück, die Staatsbetriebe wurden privatisiert, die Arbeitslosigkeit ist hoch und die Löhne niedrig, soziale Errungenschaften werden abgebaut, und auch die Mitgliedschaft im MercoSur bietet keine Perspektiven auf eine Besserung dieser Lage. Aber daß die Diktatur dort abdanken mußte aufgrund mächtiger Mobilisierungen von Gewerkschaften, Studenten etc. für Demokratie, daß die Freilassung der politischen Gefangenen im März 1985 von einer breiten Volksfront erkämpft und als ein Sieg gefeiert wurde, bei dem die Straßen Montevideos voller Menschen waren, die teilhatten an diesem Festtag, ist eine geschichtliche Besonderheit, die für die politischen Gefangenen von entscheidender Bedeutung war und noch heute ist. Sie wurden empfangen und gefeiert, ihr Einsatz, ihre Erfahrungen anerkannt. Ein anderer Beginn in "Freiheit", als viele andere ihn erleben, für die keine Bereitschaft, Interesse, Anerkennung besteht, die mit ihren Hafterlebnissen alleinbleiben. Hafterlebnisse die weiterhin traumatisierend wirken in einer verständnislosen oder desinteressierten Umwelt.
Als wir anfingen verschiedene Frauen in Uruguay zur Zeit ihrer Haft und ihren Erlebnissen zu befragen, trafen wir auf große Offenheit und die Selbstverständlichkeit, das Mögliche zu tun, wenn die Darstellung der eigenen Erfahrungen und ihrer Verarbeitung anderen hilfreich sein könnte. Aber auch dort steht die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte hinter den Notwendigkeiten des Alltags weit zurück. Erst während unseres Besuchs 1995 wurde die erste Ausstellung über das Frauengefängnis eröffnet - zehn Jahre nach der Freilassung beginnt das Flüstern in ein kurzes Raunen überzugehen. Schon während der verschiedenen Gespräche fanden wir die Erzählungen der Frauen so vielfältig und beeindruckend, daß wir sie nicht für uns behalten wollten, sondern beschlossen, sie in einem Buch zu Worte kommen zu lassen. Unsere Interviewpartnerinnen versicherten uns immer wieder, wie notwendig eine gemeinsame Aufarbeitung auch bei ihnen sei. Während unseres Aufenthaltes aber versickerte diese Idee noch in den Mühlen des Alltags - ein gemeinsames Treffen für eine Veröffentlichung im Land kam damals nicht zustande. Schwer war's für uns, der Lesbarkeit und dem Umfang verpflichtet die Texte in der Bearbeitung zu kürzen, erschienen uns doch auch viele Kleinigkeiten wichtig ...
Fast drei Jahre hat sich die Entstehung des Buches nun hingezogen, Transkription, Übersetzung, Textbearbeitung - und wir waren froh über zahlreiche Helferinnen, Beratung und Mutmachen, wenn alles sich wie Berge türmte und als Monika wegen einer schweren Erkrankung mehr als sechs Monate in verschiedenen Kliniken verbringen mußte, und soweit sie konnte, trotzdem an unserem Projekt weiterarbeitete. Wir hoffen, mit diesem Buch den Frauen und ihren Geschichten etwas von dem Raum und Respekt zu geben, der ihnen gebührt und der anderen vielleicht interessant und nutzbar sein kann in der Auseinandersetzung mit oftmals Verschwiegenem - und mit der Kraft, die aus den Interviews spricht, einen Beitrag zu leisten gegen das Verleugnen und Vergessen, für das Erinnern und Durcharbeiten, für ein gegenwärtiges und zukünftiges Leben mit diesen Erfahrungen.
Monika Berberich, Irene Rosenkötter, April 1998
Bedanken möchten wir uns bei: Yessie Macchi für die Transkription der Interviews; Angela Habersetzer, Claudia Hagin, Beate Kirst, Annette Massmann, Anke Spiess, Christa Weber, Regina Weps für Übersetzung und Textbearbeitung; dem Verlag für umfassende Hilfe und produktive Unruhe; Susy Arnold für die Umschlagsgestaltung; der "Hamburger Stiftung zur Föderung für Wissenschaft und Kultur" und dem AStA der TU Berlin für finanzielle Unterstützung; und all den vielen anderen, die ihren Beitrag zur Entstehung des Buches geleistet haben mit technischen Ratschlägen, Tips, Kaffeekochen, Korrekturlesen etc.
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