|
Udo Sierck Vorwort »Der Pannwitzblick«
Schlagzeilen der letzten Monate aus Deutschland: Behinderte Menschen werden von Jugendlichen beschimpft (»Dich haben sie wohl in Dachau vergessen!«, »Du lebst von unseren Steuergeldern!«, »Unter Hitler hätten sie dich vergast!«, »Blinde müssen weg!«) und bespuckt; es gibt Bombendrohungen gegen Behinderteneinrichtungen; ein Gerichtsurteil erkennt auf Schadensersatz wegen berechtigten Ekels, weil am Urlaubsort auch behinderte Urlauber und Urlauberinnen zu sehen waren; ein behinderter Mann wird über Monate drangsaliert und angepöbelt, bis er sich das Leben nimmt; einem behinderten Jugendlichen wird das T-Shirt mit Benzin übergossen und dann angezündet; ein behinderter Mann stirbt an den Verletzungen, die ihm prügelnde Jugendliche beigebracht haben. Diese Pöbeleien und Überfälle auf behinderte Menschen bewirken moralische Empörung. Es schafft ein beruhigendes Gefühl, sich über andere aufregen zu können, weil man oder frau selbst niemand aus dem Rollstuhl gekippt hat. Es ist angenehm bequem, die Behindertenfeindlichkeit orten und die eigene vergessen zu können. Ausgeblendet wird die Basis und die Struktur der Gewalttätigkeit gegen behinderte Menschen: die Tradition der Aussonderung in spezielle Institutionen, das Desaster der Pflege, die Sicht auf behinderte Personen als Kostenfaktor und Symbol für Leid und Unglück, die Kontinuität des ›lebensunwert‹-Denkens sowie ein eugenisches Bewußtsein, das verbreiteter ist, als die meisten es wahrhaben wollen. Es wird vergessen oder übersehen, daß die Meldungen über Angriffe gegen behinderte Menschen vielfach davon berichten, was für behinderte Frauen und Männer ›nur‹ Alltag ist. Ohne die bedrohlichen Attacken verharmlosen zu wollen: Sie dienen auch der Ablenkung von Selektionsmechanismen, die ohne ein einziges Mitglied der ›Republikaner‹ etabliert worden bzw. auf dem Wege sind, sich durchzusetzen. Die Überzeugung, es wäre besser, behindertes Leben würde nicht existieren, ist ein Aspekt der Behindertenfeindlichkeit, der als solcher nicht mehr wahrgenommen wird. Immer regelmäßiger berichten gerade auch junge Mütter, die ein behindertes Kind haben, von diskriminierenden Reaktionen: »Wie konnte das denn noch passieren?«, »Das muß doch heute nicht mehr sein !«, »Haben Sie das nicht vorher gewußt?« – so oder ähnlich reden ganz selbstverständlich Nachbarn, Familienangehörige oder andere Mütter im Wartezimmer des Arztes oder der Ärztin. Ein rechtsradikales Weltbild ist für diese Sätze nicht notwendig. Der humangenetische Spruch »Kommendes Leid verhindern« und die Skinhead-Parole »Unnützen Fressern das Maul stopfen« zielen auf ein Ideal: Behinderte Menschen sollen möglichst aus der Welt verschwinden. Die einen haben die Rolle der Wort- und Ideengeber, die anderen schlagen zu – wogegen sich in Wahrheit die Empörung richtet. Selektion ja, aber bitte in geordneten (medizinischen) Bahnen und unter dem Schutz der wissenschaftlichen Reputation. Die Praktikerinnen der Humangenetik haben (inzwischen wieder) einen Vorteil. Ihr Wirken wird mit verabscheuungswürdiger Selektion nicht in Verbindung gesetzt, die Täter-Geschichte im NS-Regime spielt keine Rolle mehr, weil es sich – so die selbstproduzierte Unterstellung – um eine aufgeklärte Generation mit anderen Menschenbildern handelt. Natürlich stimmt das in bezug auf die Vorstellungen, wie ein Mensch zu sein hat, keineswegs. Da das auch alle wissen, werden in Situationen, in denen ein paar behinderte Frauen und Männer ihre Kritik ausdauernd und mit zuviel positiver Resonanz äußern, Fragen der Selektion zu ethischen Problemen erklärt und in entsprechenden Kommissionen entschieden. Ein Jugendlicher oder Erwachsener, der klipp und klar äußert, was er denkt (»Du bist ein minderwertiger Idiot!«), stört die Ruhe des akademischen Diskurses darüber, wer demnächst auf der Liste der eigentlich ›auszumerzenden‹ Menschen erscheinen soll. Diese Sichtweise weist auf das Gewaltpotential hin, das der Medizin innewohnt. Sie zeigt aber auch auf das Denken, daß psychische und physische Verletzungen bei behinderten Personen schon in Ordnung gehen, solange sie ›richtig‹ begründet werden. Die Konsequenzen der gnadenlosen Verhinderungsmentalität gegenüber dem ›Übel Behinderung‹ werden im Alltag spürbar. Und das nicht erst seit wenigen Monaten: Behinderte Frauen mit und ohne Kinder treffen sich seit langem an der Volkshochschule München, um sich mit der diskriminierenden Alltagssituation auseinanderzusetzen. Sie berichten davon, daß sie auf dem Spielplatz zu hören bekommen, sie seien unsozial oder: »Sie hätte man im Dritten Reich einfach vergast« (SZ, 12.3.93). In der Bielefelder Innenstadt hat der ärztliche Leiter des Kinderbereichs im Epilepsie-Zentrum Bethel bei Bielefeld vor einigen Jahren Passanten zum Thema Epilepsie befragt. Aussagen wie »Die gehören doch alle in Anstalten«, »Das sind nur unnütze Fresser, die dem Staat auf der Tasche liegen«, »Das ist doch kein Leben, das sollte man nicht fortsetzen«, waren weit verbreitet (Ärzte-Zeitung, 9.3.93). Erschreckende Aussagen, aber eben keine aus dem aktuellen Kontext. Hans-Bernhard Wuermeling, Professor am Institut für Rechtsmedizin der Universität Erlangen, wußte schon vor knapp zehn Jahren, welche Konsequenzen die neue ›Euthanasie‹-Diskussion haben würde. Angesichts der Kampagnen der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) für den ›schönen Tod‹ und des Verlangens nach einer gesetzlichen Legalisierung der aktiven Sterbehilfe schrieb er: »Diesem Freiheitsgewinn einzelner steht aber ein erheblicher Freiheitsverlust vieler gegenüber, der in den moralischen Diskussionen um Euthanasie und Suizid zu wenig Beachtung findet: Sind nämlich dem Menschen die Möglichkeiten, durch eigene oder fremde Hand rechtlich und moralisch unangefochten aus dem Leben zu scheiden, geboten, dann üben diese einen ungeheuren Druck auf viele aus, die sich in ähnlicher Situation befinden, von solcher Möglichkeit Gebrauch zu machen. Auch der Arzt würde angesichts der Tatsache, daß ein schwer leidender Patient sittlich und rechtlich die Möglichkeit hätte, zu sterben oder sich töten zu lassen, von diesem Leiden nicht mehr in der gleichen Weise gefordert, alles in seiner Macht Stehende zur Hilfe einzusetzen. Verwandten würde der Unheilbare lästig, der sich nicht aus dem Leben entfernt oder entfernen läßt. Eine Haltung dem beschädigten Leben gegenüber würde Platz greifen, die dessen Existenz als im Grunde unnötig ansieht. Kostenträger und schließlich der Staat müßten in einem demokratischen Gemeinwesen einer solchen Haltung Rechnung tragen und die Aufwendungen für den einschränken oder einstellen, der seinen Abschied nicht nimmt« (H.B. Wuermeling: Verbindungen zum Euthanasie- und Suizidproblem. In: Münchener Medizinische Wochenschrift, Nr. 35/1984, S. 980). Wuermeling steht dabei nicht in Verdacht, auf der Seite behinderter Menschen zu stehen. Er hat zum Beispiel das Erlangener Experiment an einer als hirntot definierten Frau mitzuverantworten, in deren Körper Mediziner versuchten, einen 15 Wochen alten Fötus am Leben zu erhalten. Nur wenn das zu erwartende Kind behindert sein würde, so Wuermeling in der Phase des laufenden Experimentes, sei der Aufwand zur Lebenserhaltung nicht länger zu rechtfertigen (taz, 23.10.1992). In diesem politischen Zusammenhang steht der Film »Der Pannwitzblick«, der Ende 1991 seine Uraufführung hatte. Er thematisiert die Gewalt gegen behinderte Menschen, beschreibt den Blick, der die Macht der Normalität ausdrückt – eine Macht, die im Alltag, in den Institutionen der Fürsorge, in der Praxis medizinischer Experimente, im Denken und Handeln der ›Euthanasie‹-Propagandisten sichtbar wird. Der Film ist Teil einer Trilogie der Medienwerkstatt Freiburg, die sich mit dem Machbarkeitswahn, dem Herrschaftswillen und dem unreflektierten Fortschrittsglauben in der Medizin – insbesondere in der Gen- und Reproduktionstechnologie – befaßt. Zur Trilogie gehören der Dokumentarfilm »... und andere Ergüsse« von Miriam Quinte und der Spielfilm »Daedalus« von Pepe Danquart. »Der Pannwitzblick« geht auf die Arbeiten des Arztes und Historikers Karl Heinz Roth zurück, der die Filmpropaganda zur Vorbereitung der ›Euthanasie‹-Aktionen im NS-Regime analysierte. Das historische Material montierte der Filmemacher Didi Danquart mit Bildern und Interviews von ›Euthanasie‹-Verfechtern der Gegenwart (Hans-Henning Atrott und Peter Singer) sowie von Frauen und Männern aus der Behindertenbewegung – Theresia Degener, Nati Radtke, Wolfgang Röcker, Udo Sierck. »Der Pannwitzblick« ist ein parteiischer und erfolgreicher, ein zum Streit fordernder und kein besserwisserischer Film, der im lyrischen Kommentar von Christian Geissler ohne Fakten und Merksätze auskommt. Die Aufsätze des vorliegenden Buches wollen den Hintergrund des Films vertiefen und ergänzen. Aber auch ohne den »Pannwitzblick« zu kennen, bieten die Aufsätze Antworten auf die Frage, wie die Gewalt gegen behinderte Menschen entsteht.
Udo Sierck, April 1993 |