<< Zurück

[Seite ausdrucken]

Uwe Englert

Besatzung und Krieg in Norwegen

Inzwischen sind über 60 Jahre seit dem Ende der deutschen Besatzung vergangen – doch nach wie vor wird in Norwegen zu kaum einem Thema so viel Literatur produziert wie über die Kriegsjahre 1940 bis 1945. Das Spektrum reicht von lokalhistorischer Spurensuche und geschichtlichen Überblicken bis zu Romanen, Erzählungen und dickleibigen Erin­ne­rungs­werken. Mindestens zwischen den Zeilen richten viele dieser Publikationen einen Appell an ihre Leser, diese Zeiten und die daraus zu ziehenden Lehren niemals zu vergessen. »Nie wieder 9. April« ist eines der am häufigsten reproduzierten Schlagworte in Norwegen[1] und erinnert an den Tag im Frühling 1940, als deutsche Soldaten norwegischen Boden betraten.

Buchstäblich jeder Norweger weiß, was sich an diesen ersten Tagen der Okkupation ereignete. Die deutschen Invasoren überrumpelten die völlig unvorbereiteten norwegischen Streitkräfte mit einem Überraschungs­an­griff und stellten binnen kurzer Zeit die Luftherrschaft über den Süden des Landes her. Das »Unternehmen Weserübung« zielte darauf ab, die Häfen zu besetzen, um einer Seeblockade der Alliierten zuvorzu­kom­men und die Versorgung der Rüstungsindustrie mit schwedischem Eisen­erz zu sichern. Um 4.21 Uhr Ortszeit gelang den Norwegern mit der Ver­sen­kung des schweren Kreuzers Blücher im Oslofjord ein später zu einer heroischen Tat verklärter Coup. Möglicherweise gab erst dieser von den Deut­schen nicht einkalkulierte Zwischenfall dem norwegischen König Haakon VII., der Regierung des sozialdemokratischen Minister­präsi­denten Nygaardsvold und zahlreichen Abgeordneten des Parlaments die Möglichkeit, Oslo Richtung Nordosten zu verlassen. Der Monarch und die Politiker erreichten zunächst Hamar und später das 160 Kilometer von der Hauptstadt entfernte Elverum. Dort sah sich Haakon am Abend des 10. April mit einem Ultimatum konfrontiert: Der deutsche Gesandte Curt Bräuer verlangte von ihm, die Regierung zu entlassen und Vidkun Quisling als Ministerpräsident zu akzeptieren. Haakon weigerte sich jedoch, dem Parteiführer der faschistischen Nasjonal Samling Vertrauen zu schenken, und entschied sich in Absprache mit der Regie­rung für den Widerstand. Über Tromsø gelangten er und das Kabinett Nygaardsvold nach London, dem Sitz der Exilregierung für die kom­menden fünf Jahre.

Die Gefechte im Süden des Landes waren rasch entschieden. Auch zwischenzeitlich in Norwegen gelandete britische und französische Einheiten vermochten die deutschen Truppen, die über das lang­ge­streckte Gudbrandsdal nach Norden vorstießen, nicht aufzuhalten. Nur in der nordnorwegischen Küstenstadt Narvik, wo das begehrte Erz ver­schifft wurde, sah sich die deutsche Okkupationsmacht vorüber­gehend in die Defensive gedrängt. Nachdem Hitler-Deutschland jedoch den West­feldzug eingeleitet hatte und die alliierten Soldaten in aller Eile nach Frankreich abgezogen worden waren, ließ sich Narvik nicht mehr halten. Am 10. Juni 1940, fast genau zwei Monate nach dem Beginn der Besat­zung, erklärten die norwegischen Streitkräfte ihre Kapitulation.

Bis heute in die Erinnerung eingebrannt haben sich die dramatischen Vorgänge in der Finnmark, mehrere hundert Kilometer nördlich des Polarkreises. Als die Russen im Herbst 1944 von Murmansk aus vorrückten, ordnete Hitler die Zwangs­eva­kuierung der Bevölkerung und eine mitleidlose Taktik der »verbrannten Erde« an. Ein Gebiet von der anderthalbfachen Größe Dänemarks wurde dem Erd­boden gleich­gemacht. Über 10.400 Häuser, 116 Schulen und 27 Kirchen fielen der Aktion zum Opfer.

Die unzähligen norwegischen Kriegsdarstellungen, die inzwischen ganze Spezialantiquariate füllen, beschränken sich allerdings bei weitem nicht darauf, derartige Fakten zu präsentieren. Vielmehr nehmen die Erzählungen über den Krieg an einem sich bis 1980 immer stärker herausbildenden Erinnerungskonsens teil. In jenen fünf Jahren bis zur Befreiung am 8. Mai 1945 hatte, nach einer zunächst kaum relativierten kollektiven Übereinkunft, die junge Nation Norwegen ihre Bewährungs­probe bestanden. Der unverhohlene Stolz und die teilweise feierliche Rheto­rik, die manchen Schilderungen der Besatzungszeit zu eigen ist, hatte dabei durchaus eine reale Basis. Nicht ohne Grund ließ sich bei­spiels­weise Willy Brandt, einer der bekanntesten deutschen Exilanten in Norwegen, von der Unerschrocken­heit beeindrucken, mit der viele Men­schen auf die Besatzung reagierten. So legten alle Mit­glieder des Ober­sten Gerichtshofes ihre Ämter nieder und stellten fest, dass die durch das Reichskommissariat erlassenen Ver­ord­nungen norwe­gisches Recht ver­letzten. Über 90 Pro­zent der Lehrer weigerten sich, »aktiv und posi­tiv« für das national­sozia­listische Regime einzutreten und bezahlten diesen Ungehorsam teilweise mit Lagerhaft. Der Primas der luthe­rischen Staats­kirche, Bischof Eivind Berggrav, widersetzte sich den totalitären An­sprüchen der Machthaber, verteidigte seine Gewissens­frei­heit und wurde zum Vorbild für viele Prie­ster.[2] An mehreren Theatern in Nor­wegern traten Schauspieler zeit­weilig in den Streik; das Publikum boykottierte propagandistische Inszenierungen.

Diese Beispiele einer bemerkenswerten Zivilcourage fanden nach dem Krieg vielfach Anerkennung. Jedoch wurden in einem Prozess der Glorifizierung mutige Widerstandshandlungen immer undifferenzierter mit der Geisteshaltung eines ganzen Volkes identifiziert. Der Literaturhistoriker Francis Bull, der selbst einige Jahre im Polizeihäftlingslager Grini verbringen musste, formulierte im Mai 1955, dass die Kriegsgeneration »absolute Werte« kennengelernt habe und deshalb Recht und Unrecht ohne »intelligenten Relativismus« unter­scheiden könne.[3] In den Rang kanonisierter Literatur stiegen Gedichte des ehemaligen Marxisten Arnulf Øverland auf, der im Krieg dem König gehuldigt hatte, auf diese Weise aber nicht zuletzt dem solidarischen Kollektiv seiner Landsleute ein Denkmal setzte: »Du gehörtest keiner Klasse an, sondern dem ganzen Volke.« Es kristallisierte sich das mythisch aufgeladene Bild einer Gesellschaft heraus, die jenseits aller Interessenskonflikte zu einer tiefen Einheit gefunden hatte und dem Feind ohne Kompromisse entge­gen­­getreten war.

Doch schon Willy Brandt nahm während seiner Osloer Jahre die Ablehnung des NS-Regimes nicht als so entschieden wahr, wie sie nach 1945 lange Zeit behauptet wurde. »Viele hielten es für unaus­weich­lich, sich mit den Besatzungsbehörden zu arrangieren – oder jedenfalls Geschäfte zu machen«[4], erinnerte er sich. Besonders unan­genehm be­rührte ihn ein Verhör, zu dem er 1937 geladen wurde und bei dem er die Frage beantworten sollte, ob er »nichtarischer Abstammung«[5] sei. In Norwegen sollte es noch bis Mitte der Achtzigerjahre dauern, bis solch unrühmliche Seiten des Besat­zungsalltags aufgear­beitet wurden.[6] Eine junge Gene­ration von Historikern, die den Krieg nicht selbst erlebt hatte, be­gann gegen Tabuvorstellungen aufzubegehren. Sie kritisierte die Befangenheit der früheren Forschung und griff Themenkomplexe auf, die die These vom annähernd geschlossenen Widerstand des norwegischen Volkes erschütterten. Erstmals sprach man nun öffentlich über die sogenannten »Deutschen­kin­der«, deren pure Existenz die moralische Grenzziehung zwischen Norwegisch und Deutsch, Gut und Böse unterlief. Etwa 10–12.000 Kinder gingen aus den Beziehungen zwischen norwe­gischen Frauen und deutschen Soldaten hervor. Die Jungen und Mäd­chen wurden nach dem Krieg Opfer massiver Diskriminierungen. 1998 gelangte an die Öffent­lichkeit, dass die norwegische Regie­rung unmittelbar nach Kriegsende den Plan verfolgt hatte, die unlieb­sa­men Kinder nach Australien abzuschieben – was dort jedoch auf Ab­leh­nung gestoßen war.[7] Die Eindeutigkeit von Täter- und Opferidentität war damit auf irritierende Weise in Frage gestellt.

Weitgehend unerforscht blieb bis vor kurzem auch die Ent­rech­tung, Verhaftung und Ermordung der norwegischen Juden. Auch wenn die Zahlen in den wenigen Darstellungen geringfügig voneinander abweichen, kann man heute mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass vor 1940 etwa 2.100 Juden in Norwegen lebten, die meisten von ihnen seit über 30 Jahren. Über die Hälfte von ihnen schaffte es, nach Schweden zu fliehen und den Krieg dort – oder in anderen Exilländern – zu über­le­ben. Knapp 800 Jüdinnen und Juden wurden zwischen dem Herbst 1942 und dem Februar 1943 verhaftet, in die Lasträume deutscher Schiffe gepfercht und über Stettin in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau transportiert. Dort wurden fast alle von ihnen ermordet; nur etwa 30 Juden kehrten nach Norwegen zurück.[8]

Die Rolle der verschiedenen norwegischen Behörden im Zusammenhang mit der Deportation der Juden drang ebenfalls erst spät in das Bewusst­sein der Öffentlichkeit. Ursächlich für die Verschleppung der in Oslo, Trondheim und den anderen Städten Norwegens lebenden Juden war die menschenverachtende Politik der deutschen Besatzer. Die reibungslose Durchführung der Verhaftungen der jüdischen Bevölkerung wäre jedoch ohne die Zusammenarbeit von Akteuren auf norwe­gi­scher Seite nicht möglich gewesen. Zu erwähnen sind hier insbesondere die Kriminalpolizei, die neugegründete Staatspolizei, die Hird-Garde (der paramilitärische Flügel der Nasjonal Samling) sowie norwegische SS-Verbände. Doch auch zivile, nicht mit dem Nationalsozialismus sympathisierende Personen hatten Anteil an der gelegentlich so bezeichneten »Fortschaf­fung« ihrer jüdischen Nachbarn. So ließen sich am 26. No­vem­ber 1942 ohne Probleme 100 Taxis finden, die auf Befehl der Stapo jüdische Frauen und Kinder zum Osloer Hafen fuhren, wo das Depor­ta­tionsschiff Donau auf sie wartete.

Das Verdienst Espen Søbyes ist es, diese Fakten gründlich recherchiert und für ein größeres Publikum aufbereitet zu haben. Indem er die Biographie eines jungen Mädchens erzählt, das im Alter von nur 15 Jahren im Konzentrationslager ermordet wurde, macht er die Grausamkeiten der Zeit und die fatalen Auswirkungen der auf den ersten Blick so abstrakt anmutenden bürokratischen Anordnungen fassbar. Sein Buch wurde in Norwegen mehrfach aufgelegt und in den Medien stark beachtet. Es ist inzwischen Gegenstand von Seminaren und die Grundlage für historische Stadtrundgänge durch die ehemals jüdischen Viertel Oslos.

Mit der »Inhaftnahme der jüdischen Familien (Frauen und Kinder) im Polizeidistrikt Oslo« war der Polizeidirektor Knut Rød befasst. Søbyes detaillierte Darstellung seines Einsatzes vor und während der Depor­ta­tion der Juden, nicht zuletzt auch seine Analyse der Landesverrats­pro­zesse mit ihren äußerst fragwürdigen Urteilen, haben das Interesse an der Person Røds neu entfacht. Im Herbst 2006 wurden die Begrün­dungen für die Freisprüche Røds in der Wochen­zeitung Mor­genbladet neu durchleuchtet – und aufs schärfste zurück­gewiesen. Vor allem die Tendenz der Richter, Røds nebulös bleibende, angeblich be­deut­same Dienste für die Widerstandsbewegung als so wichtig anzuse­hen, dass sie selbst die Depor­tation der Juden aufwögen, empörte die an der Diskussion beteiligten Künstler, Zeit­zeugen und Historiker. Die Juden wurden in den Rød-Prozessen zu Bürgern minderen Wertes degradiert. Die Juristen, die die skandalösen Urteile fällten, hielten sie vermutlich nicht einmal für Norweger.

Auch wenn es für die Betroffenen kein Trost sein kann, zeigen die Lebensgeschichten von Kathe Lasnik, ihrer Schwestern und ihrer Eltern doch eines: Das norwegische Selbstbild einer »Nation in Widerstand« ist so nicht mehr aufrechtzuerhalten. Für diesen Paradigmenwechsel, der noch nicht abgeschlossen scheint, steht auch die Eröffnung des Zentrums für Holocaust-Studien, das als neuer, wesentlicher Ort der norwegischen Erinnerungspolitik dienen soll. Seit dem 26. November 2006 ist in dieser Institution, die symbolisch in der ehemaligen Villa Quislings untergebracht ist, ein Anti-Denkmal des Künstlers Victor Lind zu besichtigen. Es zeigt eine auf einem überdimensionierten schwarzen Granitsockel stehende Miniaturstatue aus Bronze, die Knut Rød in der Pose des »Hitler-Grußes« darstellt. Eine Inschrift enthält Informationen über Røds Freispruch und schließt mit dem Satz: »Die Statue soll so lange stehen, bis das Urteil aufgehoben ist.«[9]



[1] Zur Bedeutung des 9. April 1940 für die Erinnerungskultur der norwegischen Nachkriegszeit vgl. Anne Eriksen, Det var noe annet under krigen. 2. verdenskrig i norsk kollektivtradisjon, Oslo 1995, S. 32 ff.

[2] Willy Brandt, Links und frei. Mein Weg 1930–1950, Hamburg 1982, S. 311 ff.

[3] Francis Bull, Ti-års minne. Tale i Nationaltheatret 8. mai 1955. In: Samtiden, 64, 1955, H. 6, S. 348.

[4] Brandt, a.a.O., S. 309.

[5] Ebd., S. 80.

[6] Die öffentlichen Debatten und Historikerfehden zum Thema der deutschen Okkupation in Norwegen arbeitet auf: Susanne Maerz, Die langen Schatten der Besatzungszeit. »Vergangen­heits­bewältigung« in Norwegen als Identitätsdiskurs, Berlin 2008 (Diss. Freiburg).

[7] Vgl. Gunnar Gjertsen, Ville deportere norske barn til Australia. In: Klassekampen, 10. Dezember 1998.

[8] Vgl. Bjarte Bruland, Deportasjonen og utryddelse av norske jøder. In: Bernd Henningsen (Hg.), Norsk-tyske forbindelser gjennom hundre år, Berlin 2005, S. 204 ff.

[9] Vgl. hierzu sowie generell zum Thema künstlerischer Auseinandersetzung mit den Mythen der Okkupationsjahre: Claudia Lenz, Unbequeme Gedächtnis-Stützen. Künstlerische Interventionen in das Feld der Erinnerungskultur in Norwegen. In: Harald Schmid / Justyna Krzymianowska (Hg.): Politische Erinnerung. Geschichte und kollektive Identität, Würzburg 2007, S. 223-242.

↑ [top]