Der Rezensent bescheinigt dem Buch, einen Blick von unten auf die Basisprozesse in Venezuela geworfen zu haben.
Günter Pohl Von unten und von oben aus ila mehr ...
„Es ist immer wieder seltsam: Die Innenstadt leuchtet, die Barrios glitzern.“ Von den Barrios der venezolanischen Hauptstadt Caracas geht eine besondere Faszination aus. Schon von weitem sind die Hütten zu sehen, die sich die Hänge hinaufwinden. Doch auch mitten im Stadtzentrum, zwischen den Hochhäusern der sozialen Wohnungsbausiedlung 23 de Enero, die aus 56 großen und 42 kleinen Blocks á 15 beziehungsweise vier Stockwerken besteht, wachsen „auf den Freiflächen der Anlage, eigentlich zur Beseitigung der Barrios gedacht, die Barrios. Neue Hütten, Ranchos, unverputzte Ziegelbauten, die sich allmählich in ganz normale Viertel verwandeln. Um die 60.000 Menschen leben heute in den Blocks, etwa sechs Mal so viel wie in den Häusern dazwischen.“ Menschen aus dem anderen Teil der Stadt, aus den Siedlungen der besser Verdienenden mit ihren eingezäunten Häusern mit Garten, verirren sich fast nie in die Barrios, die sie zu einem Inbegriff von Kriminalität stigmatisieren, ohne sie von innen zu kennen. Der Autor Raul Zelik reiste im Rahmen eines Projekts der kulturstiftung des bundes, sowie des caracas urban think tank zusammen mit den KünstlerInnen Sabine Bitter und Helmut Weber für sieben Monate nach Caracas. In dem daraus entstandenen Buch "made in venezuela. notizen zur ‚bolivarianischen revolution’" beschreibt er das in Venezuela stattfindende Phänomen einer sich im Umbruch befindenden Gesellschaft. Eine Entwicklung, über die in der einseitigen Berichterstattung hierzulande nur sehr wenig zu erfahren ist. Laut Zelik befindet sich das Land in einem Prozess, „der alle Schemata gebrochen hat“. Und wie das Stadtbild von Caracas wird auch dieser Umbruch von den Barrios und seinen BewohnerInnen bestimmt, die ein dichtes Netz von Stadtteil- und Basisorganisationen, alternativen Medienprojekten und Nachbarschaftskooperativen organisieren. Ein Prozess „jenseits der gängigen Kategorien von politischer Reform oder Revolution.“ Und dessen zentrale Protagonisten eben weder ParteifunktionärInnen noch der charismatische Staatspräsident sind, sondern die StadtteilaktivistInnen. Mit diesem Proceso Popular Constituyente wird versucht, „ein neues Verhältnis zwischen lokaler Macht und Gesamtgesellschaft“ zu schaffen. Die neue Verfassung von 1999, die die bolivarianische Revolution als „partizipative protagonistische Demokratie“ festschreibt, und eine Reihe von Gesetzen, wie zum Beispiel das Gesetz zur partizipatorischen Gemeindeverwaltung, „sollen die Bürger dazu ermuntern, sich zu organisieren und gegenüber den Behörden als politische Akteure aufzutreten. Zusammen mit den Gemeinderegierungen sollen sie dann über die Anwendung der kommunalen Haushalte entscheiden und lokale Politik aktiv mitbestimmen.“ In den Augen Zeliks bedeuten die neuen Gesetze „eine radikale Demokratisierung der Stadt.“ Es soll ein neues Verhältnis zwischen Staat und Communities entstehen, das Selbstregierung und Eigeninitiative fördert, ohne die gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu leugnen. Mit brillanter Beobachtungsgabe entwirft der Autor eine spannende Collage vom venezolanischen Prozess, die durch Photographien der barrios von Bitter und Weber vervollständigt wird. Es macht Spaß, Zelik auf seinen Streifzügen durch Caracas und die glitzernden Barrios zu begleiten und so eine ganz neue Variante Venezuelas zu entdecken. In lockeren Kapiteln, die über einzelne Episoden des Aufenthalts berichten, schreibt Raul Zelik über seine Eindrücke aus dem venezolanischen Alltag. Gleichzeitig ordnet er seine „Notizen“ ständig in einen politischen und historischen Kontext ein. Diese Verbindung von politischer Einordnung und persönlichem Kommentar macht Zeliks Schilderungen glaubhaft, ohne dass er einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt. Außerdem reflektiert er immer wieder auch den eigenen Standpunkt. Diese „europäische“ Perspektive lässt ihn oft zunächst genau anders herum beurteilen oder einschätzen: „Ich habe die bolivarianische Revolution als ein pathetisch aufgeladenes Projekt verbucht. Verspätetes nation builiding. Mit einem Präsidenten, der viel und in bisweilen fragwürdigen Bildern spricht. Aber mit jedem Tag, den ich hier bin, verstärkt sich das Gefühl, dass hier etwas in Bewegung geraten ist. Etwas völlig Unerwartetes.“ Zur Website von INKOTA xxxwww.inkota.dexxxgeht es hier ...xxx
Olga Burkert Die glitzernden Barrios von Caracas aus INKOTA-Brief 129
Kaffeepflücken in Nicaragua oder El Salvador, Schulbau und Schulterklopfen auf Kuba – den linken Revolutionstourismus zog es immer wieder nach Lateinamerika. Neben ernsthaftem politischem Interesse spielten dabei oft auch Mythen und Romantisierungen eine Rolle. Wie kann heute – im Wissen um die gescheiterten Revolutionen und die eigenen Projektionen – »politisch korrektes« Reisen aussehen? Eine Möglichkeit zeigt der Berliner Autor Raul Zelik mit seinem Buch Made in Venezuela auf, das sich zwischen Reisebericht und politischer Reportage bewegt. Venezuela wird seit 1998 von dem linkspopulistischen General Hugo Chávez regiert, der sich 1992 auch schon einmal an die Macht zu putschen versuchte. Das Land ist tief gespalten in Befürworter und Gegner der Regierung. Kommunikation zwischen den Lagern ist kaum noch möglich, da sich die Wahrnehmungen der Realität auf unterschiedliche Welten zu beziehen scheinen. Unternehmerverbände, Gewerkschaften, Teile des Militärs und die Medien werfen der Chávez-Regierung Unfähigkeit und Korruption vor und bezeichnen sie als Castro-kommunistische Diktatur, die die Mittelschicht verarmen lasse und die Bewohner der Slums gegen sie aufstachle. 2002 gab es mehrere, von den USA unterstützte Umsturzversuche, die schwere wirtschaftliche und politische Krisen verursachten, aber letztlich scheiterten. Chávez wird gestützt von BewohnerInnen der Armenviertel, Landlosen und Kleinbauern, Basis-Gewerkschaften und auch von Teilen des Militärs. Zelik stellt die Frage, warum sich Linke ausgerechnet auf einen Militär an der Macht positiv beziehen sollten, dessen größtes Projekt eine neue bürgerlich-demokratische Verfassung sei. Er gibt darauf einige Antworten: Immerhin sei die von manchen VenezolanerInnen wie eine Mao-Bibel herumgetragene Verfassung die demokratischste der Welt und sehe z.B. die Möglichkeit zur vorzeitigen Abwahl aller Mandatsträger vor. Es gebe weiter eine Landreform und eine Bildungsoffensive zugunsten der Armen. Die Reformvorhaben seien zwar bislang auf den politischen Bereich beschränkt oder nur sehr bruchstückhaft umgesetzt worden. Manchmal zeichne sich die Regierung auch eher durch das positiv aus, was sie unterlasse. Dennoch geht Zelik davon aus, dass sich einiges an der Basis der Gesellschaft verändert hat. Seine Besuche bei Stadtteilorganisationen, einem religiösen Fest in einem alternativen Radio oder in neu errichteten Kartonhüttenslums stärken den Eindruck, dass die sozialen Selbstorganisations- und Aneignungsprozesse das Wesentliche an der »bolivarianischen Revolution« in Venezuela sind. Sie überstünden auch einen Putsch gegen Chávez und bewegten sich jenseits des Dualismus von politischer Reform oder Revolution. Die Basisaktivisten verteidigten die Regierung gegen die Opposition, stellten sich aber nicht bedingungslos hinter sie und nähmen Autoritäten ohnehin nicht so ernst. Das Buch ist sehr eingängig geschrieben. Politische Analysen wechseln sich ständig mit (Reise-)Beschreibungen, Geschichtchen oder skurrilen Eindrücken ab. Zelik wählt die Ich-Perspektive und vermeidet weitgehend den Eindruck, (als Deutscher) eine objektive Analyse auftischen zu wollen. Seine Parteilichkeit für die bolivarianische Revolution wird deutlich, auch wenn er immer wieder auf deren innere Widersprüche verweist. Etwas dünn erscheint die Beschreibung der Opposition, die zu sehr auf ‚die da oben’ reduziert wird. Man könnte insgesamt also von einer Art aufgeklärter Revolutionsromantik sprechen. Ergänzt wird der Text durch Fotos von Sabine Bitter und Helmut Weber, die Schauplätze der sozialen Transformation in Caracas präsentieren. Zur Website des xxxwww.iz3w.org/iz3w/index.htmxxxiz3w ...xxx
Heiko Wegmann Polarisiertes Venezuela aus iz3w
... Die gesellschaftlichen Umbrüche werden dem Leser durch Zeliks Text und die Bilder der Fotografen Bitter und Weber nahegebracht. Im Zentrum des Buches steht die Person des Präsidenten Chávez und die beiden mißglückten Putschversuche des Jahres 2002, die von der rechten Opposition unternommen und von den USA unterstützt wurden. Der Autor orientiert sich an der Bevölkerung der städtischen Slums, die sich zu organisieren beginnt, Stadtteilräte bildet und weitere Eigeninitiativen entwickelt. Er nimmt an ihren Versammlungen teil und läßt sich durch Gespräche mit Einheimischen in die Politik und Geschichte Venezuelas einführen. ... Zelik erlebt aus nächster Nähe, wie sich ein politisches Bewußtsein in den Armenvierteln entwickelt, wie man sich organisiert, diskutiert und auf Veränderungen drängt. Ein Prozeß, der vor der Regierungsübernahme durch Chávez kaum denkbar war. ... Zelik ist ein am Pittoresken hängender Erzähler. Zuweilen schwelgt er in der Wiedergabe von Stimmungsbildern, verliert sich beinahe in Detail-Beschreibungen. Einerseits verschafft dies dem Leser ein genaueres Bild, andererseits entsteht dabei aber mitunter so etwas wie ein verbales Fotoalbum ... Der Bildteil des Buches mir seiner Dokumentation urbaner Szenen entschädigt allerdings für manche Kapriole des Textes.
Tiina Huber Made in Venezuela aus konkret
Anja Witte Unerwartetes in Bewegung aus LN 363/364 mehr ...
Tommy Schroedter Venezuelas revolutionärer Prozess aus SOZ mehr ...
Anna Wieselthaler aus Südwind mehr ...


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