Die Bezeichnung stimmt, die Darstellung nicht: Der Zweite Weltkrieg wurde zwar auf mehreren Schauplätzen dieser Erde ausgetragen, doch gedacht wird bis heute vor allem der Opfer der 'entwickelten' Welt. Was von Historikern, Medien und Publizisten im Norden offensichtlich versäumt wurde, hat nun eine Gruppe von Journalisten nachgeholt: die Aufarbeitung einer Vergangenheit, in der Millionen Menschen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien als Soldaten, Zwangsarbeiter und Prostituierte missbraucht und getötet wurden. (...)
Auf Seiten der Alliierten kamen Kolonialisierte auch als Schlepper, Informanten, Späher, Matrosen, Piloten, Dolmetscher, Köche, Fahrer und Sanitäter zum Einsatz. Wer weiß schon, dass Einheimische aus Neuguinea Australiens verwundete Soldaten versorgten und sie aus den Bergen zu den Feldlazaretten an der Küste führten. (...)
Doch die Kölner Journalisten um Birgit Morgenrath und Karl Rössel zeigen auf, dass die Millionen Kolonialsoldaten alles andere als freiwillig in den Kampf zogen. Sie wurden weitgehend zwangsrekrutiert. Dass sie aufgrund ihrer Leistungen von vielen ihrer 'weißen' Kameraden geschätzt wurden und den Ausgang des Zweiten Weltkriegs entscheidend mitbestimmt haben, wurde ihnen dennoch nicht gedankt. Abgesehen davon, dass sie noch nicht einmal für das erlittene Leid, die Ausbeutung ihrer Rohstoffe und Zerstörung ihrer Heimatländer angemessen entschädigt oder gar mit der Unabhängigkeit belohnt wurden, hat man ihnen bis heute ihren Platz in der Geschichte verweigert. (...)
Dies erklärt, warum im Verlauf der letzten 60 Jahre eine Literatur über den Zweiten Weltkrieg entstanden ist, die sich hauptsächlich mit den reichen Ländern des Nordens befasst. "Und die Opfer selbst", so Professor Kum'a Ndumbe III. an der Universität von Jaunde, "lesen und lernen die von den Zentren der Wohlhabenden veröffentlichte und weltweit verbreitete Literatur zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs und erkennen ihre eigene Geschichte darin nicht wieder."
Dabei standen allein für Großbritannien fünf Millionen Kolonisierte unter Waffen, und in China kamen während des Zweiten Weltkriegs mehr Menschen um als in Deutschland, Italien und Japan zusammen. (...)
Während sich in den Ländern des Südens, die unverschuldet in die Mühlen der Kriegsmaschinerie des Zweiten Weltkriegs geraten sind, Bemühungen abzeichnen, die eigene Geschichte aufzuarbeiten, wird die Diskussion über die damaligen Ereignisse im Vorfeld des 8. Mai nach Ansicht von Rössel nach wie vor durch ein hohes Maß an Ignoranz und Eurozentrismus bestimmt. (...)
Herausgekommen ist ein Werk, das mit ungeheurem Detailwissen besticht und die Rolle der Länder der so genannten Dritten Welt von möglichst vielen Seiten betrachtet.
So widmet sich das Buch auch den Kollaborateuren unter den Ländern des Südens, die sich von einer Zusammenarbeit mit Hitlerdeutschland oder Japan ihre Befreiung von den Kolonialherren erhofften. Berichtet wird unter anderem von dem burmesischen Oppositionsführer Aung San, Vater der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, der mit Hilfe Japans gegen die Briten vorging. (...)
Beleuchtet werden auch die Aktivitäten des ehemaligen Führers des palästinensischen Aufstands, Hadj Amin el-Husseini, der Araber und Muslime für die Achsenmächte zu mobilisieren versuchte. Dass der Mufti unter anderem dafür sorgte, dass bulgarische Juden in die Vernichtungslager in Polen deportiert wurden, wird von dem Kölner Journalistenkollektiv ebenso behandelt wie die Bereitschaft von etwa 3.000 Indern, sich 1944 in die Waffen-SS eingliedern zu lassen. Die indischen Rekruten beteiligten sich später an den Massakern gegen die französische Zivilbevölkerung.
Auch die Bemühungen von Ländern des Südens, den in Europa bedrängten Juden, Linken und Widerstandskämpfern zu Hilfe zu kommen, kommen in 'Unsere Opfer zählen nicht' zur Sprache. Sie berichten etwa von dem mexikanischen Generalkonsul Bosques, der knapp zwei Jahre lang im Godesberger Rheinhotel Dreesen festgehalten wurde, bevor er nach Mexiko zurückkehren konnte. Er stellte den damals Verfolgten nicht nur Visa für Mexiko aus, sondern gab ihnen auch einen Teil ihres Selbstbewusstseins zurück. (...)
Die vollständige Rezension ist auf der Website von ips zu finden ...
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