Die im Buch versammelten kritischen Stimmen aus dem linken Spektrum – eine sehr gute Auswahl prominenter und weniger bekannter südafrikanischer Akademiker und AktivistInnen – greifen die brennenden Probleme des Landes auf, das 1994 antrat, Ungleichheit zu überwinden. Das geschieht nicht mit Häme, sondern im Gegenteil: Fast alle, vor allem die Vertreter der sozialen Bewegungen, arbeiten sich gründlich an der Regierung der ehemaligen Befreiungskämpfer ab, an der Grundfrage: Wenden wir uns – noch immer hoffnungsvoll – an diesen „neuen“ Staat oder müssen wir die ausgegrenzte Mehrheit der Armen „gegen“ diesen Staat mobilisieren. ...
Die Geduld der armen Bevölkerung hat viel mit der Geschichte zu tun, betont der international bekannte AIDS-Aktivist aus Kapstadt, Zackie Achmat, in einem beeindruckenden Interview. Obwohl gerade seine Initiative, die „Treatment Action Campaign, gegen die unwillige Regierung für staatsfinanzierte Anti-Aids-Medikamente kämpfen musste – mit großem Erfolg, wählt Achmat selbst noch immer den ANC. Er kritisiert dessen autoritäre Strukturen, betont aber die unvergessene Rolle im Befreiungskampf. ...
Während sich also Achmat Reformen innerhalb des neoliberal ausgerichteten südafrikanischen Staates vorstellen kann, wehren sich Basisinitiativen in den städtischen Townships radikaler gegen die mangelnde Armutsbekämpfung. Mehrere Beiträge des Buches befassen sich mit den Gruppen, die sich im „Anti-Privatisierungsforum“ zusammengeschlossen haben. Denn die Privatisierung zum Beispiel der Wasser- und Stromversorgung verhindere die in der südafrikanischen Verfassung garantierte Befriedigung der Grundbedürfnisse. Während der Ökonom und Regierungskritiker Patrick Bond in einem ausgezeichneten Essay die Zurichtung der Metropole Johannesburg für die allumfassende kapitalistische Verwertung beschreibt, vertieft die Aktivistin Prishani Naidoo die Schwierigkeiten beim Widerstand gegen diese Entwicklung. ...
Neville Alexander, ehemaliger Befreiungskämpfer und bis heute eine wichtige Stimme der politisch nie mehrheitsfähigen aber analytisch stets einflussreichen trotzkistischen Strömung in Südafrika, betont: Die soziale Ungleichheit hat sich in Südafrika enorm verstärkt, und zwar entlang der alten Trennungslinien zwischen den Hautfarben. Auch, weil die Zitat „rassischen“ Kategorien immer noch tief in den Köpfen verankert sind. ...
Es braucht also Zeit und den Druck von unten auf die Führung, um die „Grenzen der Befreiung“ vom Erbe der Apartheid auch ökonomisch zu überwinden. Das Buch schildert gut lesbar, spannend und differenziert die komplexen Hintergründe und Schwierigkeiten im politischen Alltag der sozialen Bewegungen. Eine sehr gute Lektüre gegen Klischees und überdies mutmachend für Menschen in den Zivilgesellschaften in anderen Teilen der Welt. |