„Nur noch Slums und keine Städte mehr“. Diese düstere Vorhersage des indischen Planungsexperten Guatem Chatterjee, die der kalifornische Stadtsoziologe und Historiker Mike Davis in seiner vor kurzem auf deutsch erschienenen Studie „Planet der Slums“ zitiert, mag zwar nicht für Europa und die USA gelten, für weite Teile der restlichen Welt ist sie aber zur Realität geworden. Und die Menschen wandern nicht mehr wie noch im 20. Jahrhundert in die Städte, die Städte wandern zu den Menschen. Ländliche und urbane Entwicklung prallen in Asien, Afrika und Lateinamerika aufeinander, Urbanisierung und Favelaisierung werden laut Mike Davis zu Synonymen. In Slums, in denen es an allem (wie Trinkwasser, sanitärer Infrastruktur, Müllentsorgung oder sozialen Einrichtungen) mangelt, leben schon heute knapp eine Milliarde Menschen. ...
Eine Hauptthese des sehr nüchternen, mit vielen Zahlen und Tabellen bestückten Buches ist, dass sich urbanes Wachstum und wirtschaftliches Wachstum vielerorts weitgehend voneinander abgekoppelt haben. Dadurch ist eine neue „globale informelle Arbeiterklasse“ entstanden, die nicht mehr gebraucht wird, und die Davis als „Überschussbevölkerung“ bezeichnet. Erschreckend deutlich wird das am Beispiel der „Hexenkinder“ der afrikanischen Mega-Metropole Kinshasa. Die Kinder, die nicht mehr versorgt werden können, werden als Hexen abgestempelt und verstoßen. ...
Mike Davis hat ein pessimistisches Buch geschrieben. Nur wenige Beispiele aus den 1960er Jahren, so aus dem revolutionären Kuba oder aus Brasilien, zeigen, dass der „Slum nicht die unausweichliche Zukunft der Stadt war“. Die unzähligen Fakten und Beispiele seiner Analyse lassen für den radikalen Urbanisten und kritischen Stadtforscher Mike Davis keine optimistische Sicht zu. „Die peri-urbane Armut – eine düstere Welt, die von den bäuerlichen Subsistenz-Solidargemeinschaften weitgehend abgeschnitten wurde, aber auch keine Verbindung mehr zum kulturellen und politischen Leben einer klassischen Stadt besitzt – ist das radikal neue Gesicht der Ungleichheit.“ Nach der Lektüre der 245 Seiten kann man ihm eigentlich nur zustimmen. Allerdings hat der Autor bereits angekündigt, demnächst eine Untersuchung über die „Geschichte und Zukunft des in den Slums verwurzelten Widerstands gegen den globalen Kapitalismus“ zu schreiben. Denn die konkreten Beispiele, die trotz allem Hoffnung machen, gibt es ja auch. |