Konkrete politische Aktionsformen waren für die sozialwissenschaftliche Forschung über soziale Bewegungen bisher eher ein Randthema, interessierten doch vielmehr Fragen nach den Entstehungsbedingungen von Bewegungen oder den Variablen für ihren Erfolg. Innerhalb sozialer Bewegungen hingegen wird sich laufend mit der Frage nach Aktionsformen beschäftigt. Alte Formen werden verworfen oder wiederentdeckt und neue entwickelt. Dies kann gezielt geschehen, inhaltlich gemessen am jeweiligen Thema, Anlass, Kontext und Ziel. Häufig wird jedoch eher aus Gewohnheit und kulturellen Vorlieben entschieden, in welcher Form Protest ausgedrückt oder Widerstand geleistet wird.
Ausgehend von der Geschichtsvergessenheit sozialer Bewegungen und dem damit einhergehenden Erfahrungsverlust beginnt das von Klaus Schönberger und Ove Sutter herausgegebene Buch Lücken zwischen und in Bewegungsforschung und Aktivismus zu füllen. Es versucht, in beide Bereiche hinein zu reflektieren und beide zu vermitteln. ...
Schönbergers und Sutters Modell ist durchaus auch für den Aktivismus brauchbar, indem es systematisiert, was zentrale Fragen sind (oder sein sollten): Was soll eine konkrete Aktion erreichen, an wen richtet sie sich und mit welchen Mitteln wird das Ziel kommuniziert? Einen allgemeingültigen Zusammenhang zwischen emanzipatorischen Inhalten und Aktionsformen lässt sich laut der AutorInnen nicht formulieren. Nicht zuletzt das Auftreten von Neonazis in ehemals linken Dress-Codes, als Schwarzer Block oder mittels Straßentheater macht erneut deutlich, dass es eine diesbezügliche Sicherheit nicht geben kann.
Die alte Frage nach der Form des Protests kommt also nicht ohne die Frage nach dem Kontext und seinen Inhalten aus. “Wenn nach der Lektüre die Einsicht steht, dass dieser Zusammenhang bei jeder Aktion (…) jeweils neu thematisiert werden muss, dann hat dieses Buch sein Ziel erreicht”, schreiben Schönberger und Sutter in ihrer Einleitung. Konsequenterweise fordert dies auch dazu auf, die eigenen linken, subkulturellen Identitäten und Ideologien und ein linkes, autonomes Festhalten an “Militanz als Inhalt” in Frage zu stellen.
“Kommt herunter, reiht Euch ein” stellt interessante, oftmals vergessene Aktionen dar, beschreibt internationale und interkulturelle Transfers und macht Zusammenhänge deutlich – wozu auch die zahlreichen Fotos von Protestereignissen beitragen. Da politische AktivistInnen meist nur einen kleinen Teil dessen nutzen, was sozialen Bewegungen an “widerständigen Repertoires” zur Verfügung steht, und dabei meist auf bewährte Formen zurückgreifen, kann dieses Buch Anregungen geben, die eigene Praxis historisch zu verorten und zu reflektieren – und im besten Falle kreativ zu erweitern. |