Hartmann und Vogelskamp (interpretieren) den Irak-Krieg als Auftakt zu einer permanenten militärisch-gewaltsamen "schöpferischen Zerstörung" (Schumpeter) im Weltmaßstab. Zerstört werden sollen dabei die sozialen Strukturen, die sich weltweit als Blockaden und Hindernisse für kapitalistische Durchdringung und umfassende In-Wert-Setzung erwiesen haben.
Immer wieder (manchmal geradezu gebetsmühlenartig) versuchen die Autoren dabei, anhand unterschiedlicher Strategiepapiere und Quellen aus dem Umfeld der US-Administration zu belegen, dass der Irak-Krieg a) auf eine ökonomisch-soziale Umstrukturierung der gesamten Golfregion abzielte und b) ein Element in einer weltweiten Strategie der sozialen Umwälzung von oben ist. Der Irak-Krieg ist für sie ein weiteres Moment in einem globalen und zunehmend militärisch-gewaltsam geführten und radikalisierten Modernisierungsangriff.
Das Buch ist erklärtermaßen ein Schnellschuss, und deshalb bewegt sich die vorgestellte Interpretation des präsentierten Materials eher auf der Plausibilitätsebene als auf der einer wirklich abgesicherten These. Mit dieser Einschränkung ist es aber einer der wenigen Beiträge zum Irak-Krieg (wie auch zu den anderen "neuen Kriegen"), die den Krieg als Medium der gewaltsamen Umwälzung sozialer Verhältnisse in den Mittelpunkt der Untersuchung rückt. Die "Befreiung" des Iraks erscheint so in erster Linie als die gewaltförmige Durchsetzung marktwirtschaftlicher Strukturen im arabischen Raum und als Zerstörung sozialer Zusammenhänge, die sich immer wieder als Hemmschuh für eine kapitalistische Modernisierung herausstellten. Der Krieg ist Instrument und Medium zugleich für eine "nachgeholte ursprüngliche Akkumulation".
Gleichzeitig machen Hartmann und Vogelskamp deutlich, dass die USA und ihre Verbündeten ein Werk fortgesetzt haben, das die Despotie Saddam Husseins bereits begonnen hatte. Das Baath-Regime wird in diesem Buch als Entwicklungsdiktatur analysiert, die mit brutalster Repression und Gewalt einen industriellen und landwirtschaftlichen Modernisierungsprozess gegen die irakische Bevölkerung durchgesetzt hatte.
Bei so viel Einigkeit in der Zielsetzung zwischen Baath-Regime und den USA fragt man sich manchmal, warum die USA Saddam Hussein, der ja lange Zeit durchaus ihr Zögling gewesen war, fallen gelassen haben; eine Frage, auf die Hartmann und Vogelskamp in ihrem Buch keine rechte Antwort geben. In ihrer Terminologie gibt es eigentlich weltweit nur einen Gegensatz: den Antagonismus zwischen der Sozialrevolte, die sich dem Zugriff des Kapitalismus verweigert, und den "Modernisierungseliten", die eben diesen Zugriff organisieren. Warum dann manchmal die eine Elite die andere frisst, bleibt unklar.
So notwendig die Interpretation des Krieges als Medium der Zerstörung gesellschaftlicher Strukturen ist, so problematisch ist der "sozialrevolutionäre Dogmatismus" bei Hartmann und Vogelskamp. Ganz ähnlich wie die "Multitude" im "Empire" von Toni Negri und Michael Hardt ist die "Sozialrevolte" bei ihnen eine Art "reines", "unbeflecktes" revolutionäres Subjekt. Als gebe es in den Dorfgemeinschaften, Clans, Subsistenzökonomien etc. nicht jede Menge Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse. Als wäre die "Befreiung der Frau" in Gestalt einer Industriearbeiterin neben ihrer Unterwerfung unter das kapitalistische Kommando nicht u.U. auch eine Befreiung aus tradierten Gewaltverhältnissen. Und als entstünde in den Revolten gegen den kapitalistischen Modernisierungszugriff nicht u.U. auch eine reaktionäre Sozialbewegung, antiemanzipatorisch und antisemitisch. Hartmann und Vogelskamp definieren solche Herrschaftsformen einfach weg: Clanführer wie islamistische Fundamentalisten sind bei ihnen schlichtweg selbst "Modernisierungseliten" und nicht etwa authentische Teile der (widerständigen) Sozialstrukturen.
Diese kritischen Anmerkungen stellen nicht das Verdienst von Hartmann und Vogelskamp in Frage, Krieg im allgemeinen und den Irak-Krieg im besonderen als ein Mittel zur "schöpferischen Zerstörung" sozialer Strukturen zu interpretieren. Insbesondere gelingt es so, die permanente Gewaltförmigkeit in der kapitalistischen "Modernisierung" zu begreifen. Die Antworten "von unten" auf diese Angriffe sind jedoch keineswegs a priori revolutionär und emanzipatorisch. Der tatsächlichen Widersprüchlichkeit und inneren Dynamik sozialer Bewegungen und Revolten nähert man sich auf Dauer doch besser mit einer genaueren Analyse.
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