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HOME >> Rezension >> Linebaugh | Rediker : Die vielköpfige Hydra  
 
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Das Buch bereitet literarisch Freude und lädt zum Umdenken ein. Mit der von Sabine Bartel mit großer Sorgfalt besorgten Übersetzung hat der Verlag ein Buch publiziert, das für das Verständnis antikapitalistischer Bewegungen unerlässlich ist.
Max Henninger : "Revolten sichtbar machen" aus ak (23.5.2008) mehr ...
Eine wahrhafte Geschichte »von unten«, die ihre ProtagonistInnen nicht paternalistisch-mitleidig als historisch Zu-früh-Gekommene begreift (und entmündigt), sondern in ihrer Eigenständigkeit ernstnimmt und auf die Eingriffs- und Gestaltungsfähigkeit des Menschen in der Geschichte insistiert.
Philippe Kellermann : "Die antikapitalistische Hydra" aus GWR, Nr. 338 mehr ...
Dass das im englischen Sprachraum zu einem Standardwerk avancierte Buch nun endlich in einer vorzüglichen deutschen Übersetzung von Sabine Bartel vorliegt, muss dem Verlag Assoziation A hoch angerechnet werden.
Patrick Eiden : aus H-SOZ-U-KULT mehr ...
Peter Linebaugh und Markus Rediker formulieren in ihrem grandiosen Buch eine Globalgeschichte von unten.
Jochen Becker : "Revolutionärer Atlantik" aus ila 330 (November 2009) mehr ...
Die Autoren schildern die »vielköpfige Hydra« der atlantischen Sozialrevolten des 17. bis 19. Jahrhunderts als multinational und antirassistisch.
Ramona Sinclair : "Widerstand in Übersee" aus junge welt (21.7.2008) mehr ...
Das Buch rückt die revoltierenden Heerscharen afrika­nischer Sklaven, städ­tischer Proleta­rier, der Piraten und Ureinwohner der Karibik in den beiden ­Amerikas in den Mittelpunkt. ... brillante Geschichte von unten
Felix Baum : "Im Meer der Armen" aus jungle world (3. April 2008) mehr ...
Es ist die faszinierende Lesbarmachung des revolutionären Atlantiks, die der Wirtschaftsgeschichte dieses Raumes eine Geschichte ihrer Subjekte zurückgibt.
Tobias Mulot und Vassilis Tsianos : "Die störrische Schlange aus dem Schiffswrack" aus Kulturrisse (1-2009) mehr ...
Ihre verborgene Geschichte des revolutionären Atlantiks legt Bewegungen offen, die sich dem kapitalistischen Zugriff entziehen wollten und vielleicht schon Formen des Klassenkampfes waren - Menschen verschiedener Herkünfte einte Ideen von Freiheit und die Ablehnung von Ausbeutung. Diese vielen kleinen wie großen Widerständigkeiten zusammengetragen zu haben, ist die besondere Leistung der Autoren.
Tobias Prüwer : "Genealogie des Weltmarktes" aus Leipzig-Almanach mehr ...
Dichte, brillant erzählte und in weiten Teilen auch hervorragend dokumentierte Geschichten.
Barbara Eisenmann : "Und sie wurden Revolutionäre" aus mare (Nr. 80, Juni/Ju) mehr ...
Das Buch ist ein wahres Anti-Geschichtsbuch, das den europäischen Blick hinter sich lässt und noch dazu spannend zu lesen ist.
Peter Nowak : "Geschichte ohne europäischen Blick" aus ND, trend, vorwärts (Oktober 2008) mehr ...
Dem Buch ist eine ähnlich intensive Rezeption wie Thompsons »The Making of the English Working Class« zu wünschen. So wie die Auseinandersetzung mit Thompson maßgelich zur Neufundierung marxistischer Historiographie beigetragen hat, könnte Linebaugh/Redikers Hydra zum zentralen Refernzpunkt einer internationalistischen klassenkämpferischen Geschichtsschreibung im 21. Jahrhundert werden.
Stefan Probst : aus Perspektiven Nr. 10 mehr ...
Linebaugh und Rediker gelingt eine kaum heroisch stilisierende, mithin erstrangige »Geschichte von unten«, weil sie es verstehen, die Zeugnisse kolonialer Gewalt beharrlich auf die Spuren der Rebellion und des Widerstandes zu befragen.
Felix Klopotek : aus StadtRevue Köln (8/2008) mehr ...
Eine Geschichte der Weltmeere von unten - zwei US-Historiker und Hamburger Filmemacher propagieren eine neue Sicht der Piraterie.
Jochen Becker : "Im Paradies der Meuterer" aus Süddeutsche Zeitung (8.1.2010) mehr ...
Doch so interessant die vielen mit unzähligen Quellen belegten Geschichten auch sind, was ist daran neu? Wer hat sich in seiner Kindheit nicht als Indianer geträumt, der sich tapfer den weißen Siedlern entgegenstellt?
Christoph Villinger : "Black Atlantic" aus taz (10.10.2008) mehr ...
Die Autoren illustrieren die verschwiegene Klassenseite dieser Epoche, quasi als innere Geschichte der Arbeiterbewegung. Sie betonen, dass am Anfang des Kapitalismus die Zwangsarbeit stand.
hh : aus Wildcat Nr. 70 mehr ...
Linebaugh und Rediker argumentieren in ihrer Untersuchung, dass die Entwicklung der piratischen Demokratie maßgeblich beeinflusst war vom widerständigen Klassenbewusstsein eines transantlantischen Protoproletariats.
Thomas Wagner : "Der Pirat - ein Demokrat?" aus WOZ (11.12.2008) mehr ...
Die Evidenz ihrer Quellen ist beeindruckend, ihr theoretisches Rüstzeug überzeugend, und sie formulieren all dies in einem ebenso packenden wie präzisen Stil. Die „Vielköpfige Hydra“ ist eines der herausragenden historiografischen Werke der vergangenen Jahre.
Rüdiger Haude : aus Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (7/8 2010) mehr ...
 
Philippe Kellermann "Die antikapitalistische Hydra" aus GWR, Nr. 338
Zentral ist dabei die Annahme, dass wir es hier mit einer muliethnischen Klasse zu tun haben, die auch das Zusammenwirken der Geschlechter umfasst und anhand derer eine Epoche von Kämpfen erkennbar wird, der bornierte Trennungen innerhalb der Unterdrückten noch weitgehend fremd gewesen zu sein scheinen.
Hätten die Herrschenden auch immer wieder versucht, durch Klassenneuzusammensetzung und Etablierung rassistischen Denkens Trennkeile zu produzieren (z.B. 154, 306), seien diese eigentlich erst im 19. Jahrhundert mit der Konstitution des Facharbeiters erfolgreich geworden. Es sei gerade auch der „Umstand, dass der weiße, männliche, ausgebildete, lohnbeziehende, nationalistische, Eigentum besitzende Handwerkerbürger oder Industriearbeiter im Mittelpunkt der modernen Arbeitsgeschichte steht“, der dazu geführt habe, dass die Geschichte des atlantischen Proletariats des 17., 18. und frühen 19. Jahrhunderts unsichtbar wurde“ (356). Das Hauptaugenmerk der Untersuchung liegt auf dem Terrain des entstehenden Kapitalismus, das mit dem Dreieck Afrika, Amerika und Europa angegeben wird und bei dem die Seefahrt eine eminente Rolle gespielt habe, sei doch das Schiff ein „Treffpunkt, an dem unterschiedliche Traditionen in einem Treibhaus des Internationalismus zusammengepfercht wurden“ (165). Dementsprechend werden immer wieder Seeleute wie auch Sklaven bzw. Flüchtende in den Blick genommen, wodurch das Bild einer eindrucksvollen widerständigen transnationalen Kommunikationsgemeinschaft erkennbar wird. Ein Bild, dessen sich die Herrschenden stets bewusst waren und dies auch immer wieder mit Besorgnis zur Sprache brachten. ...
Gerade dadurch lässt sich das Buch als eine wahrhafte Geschichte ‚von unten’ begreifen, das seine ProtagonistInnen nicht paternalistisch-mitleidig als historisch Zu-früh-Gekommene begreift (und entmündigt), sondern in ihrer Eigenständigkeit ernstnimmt und auf die Eingriffs- und Gestaltungsfähigkeit des Menschen in der Geschichte insistiert.
Nicht nur dies macht das Buch lesenswert, sondern auch der Umstand, dass hier mit „Seeleuten, Lotsen, Verbrechern, Liebenden, Übersetzern, Musikerinnen und Wanderarbeitern“ (14) Subjekte des Widerstands sichtbar werden, die allzu oft kurzschlüssig als ‚Lumpenproletariat’ nicht der näheren Beschäftigung für wert gehalten wurden.
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Barbara Eisenmann "Und sie wurden Revolutionäre" aus mare (Nr. 80, Juni/Ju)
(...) Erzählt wird auch die Geschichte des aufstrebenden Kapitalismus – eine unpopuläre freilich, denn die Erzählperspektive ist die des "atlantischen Proletariats": ein "buntscheckiger Haufen", wie Marx die Enteigneten nannte, der mit dem Kapitalismus überhaupt erst entstanden war.
Diesen bunten Haufen, der aus Sicht der Herrschenden eine vielköpfige Hydra war, potenziell revolutionär und also gefährlich, haben die Autoren Peter Linebaugh und Marcus Rediker nach einem überaus umfassenden Quellenstudium auf 432 Seiten buchstäblich zum Sprechen gebracht. In unzähligen Geschichten verliert dieses multiethnische Proletariat jegliche Abstraktheit und manifestiert sich als historisches Subjekt, das in der gängigen Geschichtsschreibung, auch der Labor History, bislang kaum einen Platz einnahm.
Die beinahe hymnische Beschwörung dieses bunten Haufens im Epilog als "namenlos, landlos, arm, mobil, terrorisiert, ständig wachsend, weltumfassend, kreativ" sei den US-amerikanischen Historikern gegönnt. Denn den Erfahrungen von Gewalt und Widerstand von enteigneten Bauern, von in Schuldknechtschaft zum Militär und zur See gezwungenen Armen, von religiösen Radikalen, von versklavten Afrikanern und Afrikanerinnen, von enteigneten karibischen Indios und Ureinwohnern Amerikas haben sie in dichten, brillant erzählten und in weiten Teilen auch hervorragend dokumentierten Geschichten Gestalt verliehen.
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Felix Klopotek aus StadtRevue Köln (8/2008)
»Die vielköpfige Hydra« ist natürlich nicht der Begleitband zum grellen Piratenspektakel, aber die Geschichten von Widerstand und früher Globalisierung, die hier meisterhaft entfaltet werden, sind genauso spannend. Die amerikanischen Historiker Peter Linebaugh und Marcus Rediker verfolgen zwei Thesen: 1. Es gab eine Globalisierung vor der Globalisierung, sie fand im 17. und 18. Jahrhundert statt, und ihr Nukleus war die Karibik, hier kreuzen und verschlingen sich nie versiegende Ströme von Sklaven, europäischen Auswanderern und Bodenschätzen. 2. Diese Globalisierung war heftig umkämpft – afrikanische Sklaven, enteignete englische Bauern, die sich als Seeleute und Soldaten verdingen mussten, und Ureinwohner desertierten, zettelten Aufstände an, meuterten. Erst mit der Niederschlagung dieser Revolten entsteht der moderne Rassismus – das Phänomen, dass der verachtete und verarmte britische Seemann sich als etwas Besseres dünkt als der Sklave.
Linebaugh und Rediker gelingt eine kaum heroisch stilisierende, mithin erstrangige »Geschichte von unten«, weil sie es verstehen, die Zeugnisse kolonialer Gewalt beharrlich auf die Spuren der Rebellion und des Widerstandes zu befragen.
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Jochen Becker "Im Paradies der Meuterer" aus Süddeutsche Zeitung (8.1.2010)
Linebaugh und Rediker formulieren in ihrem Buch eine Globalgeschichte von unten. Sie beschwören Revolten gegen Enteignungen, Aufstände gegen die Sklaverei - und die Solidarität eines "buntscheckigen Haufens" aus englischen Seeleuten und irischen Spaßmachern, Lumpenpredigern und radikalen Sektierern, genossenschaftlichen Piraten, geraubten Westafrikanern und karibischen Indios. Entlang der großen Meeresströmungen des Atlantik strömen auch Wanderarbeiter, Kapital und neue Lebensentwürfe - und sie werden von den Autoren, über Zeit- und Raumsprünge hinweg, oft erstmalig in ein Verhältnis zueinander gesetzt.
Die dominante Geschichtsschreibung der "weißen, männlichen, ausgebildeten, lohnbeziehenden, nationalistischen, Eigentum besitzenden Handwerksbürger oder Industriearbeiter", die im Mittelpunkt der modernen Arbeitergeschichte steht, hat eine Historie des atlantischen Proletariats vom 17. bis zum frühen 19. Jahrhunderts wie auch ihr weltumfassendes und mobiles Bewusstsein fast unsichtbar gemacht. Die Enteignung umfasst also nicht nur ihre Ländereien oder ihre Arbeitskraft, sondern greift bis hin zu ihrer bezeugten Existenz. Eine Historiografie, die sich dem entgegenstellt, rekonstruiert Geschichte, bevor nationalistische Arbeiterbewegungen, biologischer Rassismus oder das widerständig sich formulierende panafrikanische Bewusstsein eine noch heute wirkmächtige Spaltungen entlang von »Rasse« und Klasse verfestigt haben. ...
Zahlreiche Revolten erschütterten England, weshalb die Umstürzler durch neu geschaffene Bettlergesetze in die Kolonien verbannt wurden - als "Gefängnisse ohne Mauern". Wohl ein Sechstel der männlichen irischen Bevölkerung wurde nach der Eroberung 1649 auf Schiffen verschleppt und im Ausland verkauft. Die Vertreibung Abertausender verzahnte sich mit dem globalen Handel und der kolonialen Ausbeutung, wogegen sich Piraten an vorderster Front zur Wehr setzten. Deshalb ist es nicht nur nostalgisch, wenn sich heutige Verfechter des "creative common" auf der Website "Pirate Bay" versammelt haben. Der "common wealth" als gemeiner Reichtum war noch nicht postkoloniales Empire, sondern bot sich den Meuterern der Karibik als tropisches Allmende an. Indem sie ihre grenzenlosen "commons" wiederaufleben ließen, waren die neuen Wilden anschlussfähig an den "Commonismus" der alten Wilden in den indigenen Kulturen der Tropen.
Was geschah an der Schnittstelle von Ozean und Produktionsbetrieb, in den Häfen und ihren Kaschemmen? Seit dem Auftakt des britischen Sklavenhandels 1563 bildeten Knechte, Mägde, Prostituierte oder Unterhalter mit den Proletariern auf See, den Versklavten unter Deck und auf den Plantagen sowie mit den Indigenen der Neuen Welt eine "motley crew". So nannte Marx den "buntscheckigen Haufen" des Lumpenproletariats. Als sich die Ausgestoßenen mit Versklavten und Ausgebeuteten in Übersee verbündeten, entstand revolutionäres Potential.
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Rüdiger Haude aus Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (7/8 2010)
(...) Mit lebendiger Erinnerung an das Gemeineigentum der Allmende, von der sie vertrieben worden waren, und auf den weltumspannenden Seereisen immer wieder mit Gesellschaften von „Wilden“ konfrontiert, die ohne Herrscher und ohne Gesetz lebten, waren diese Seeleute prädestiniert dazu, die Botschaft zu bewahren, zu verbreiten und auf eine transnationale Ebene zu transponieren, dass eine andere, nämlich eine kommunistische und herrschaftsfreie Welt möglich sei. Die Klassenkämpfe in England, in Irland, in Westafrika, in der Karibik und in den Kolonien, aus denen die USA hervorgingen, werden als intensiv miteinander verwoben dargestellt. Dies geschieht mit einer konsequenten Perspektive von unten, wobei unter anderem die entscheidende Rolle von Frauen in den Widerstandsbewegungen gegen die Zerstörung des gemeinschaftlichen Grundbesitzes herauspräpariert wird, sodann auch die Selbstermächtigung fliehender Sklaven und der den ethnisch hybriden Gemeinwesen entlaufenen Underdogs. Linebaugh und Rediker verfolgen die damit verbundenen Kämpfe über eine ganze Reihe von „Rebellionszyklen“, wobei die englische Revolution Mitte des 17. Jahrhunderts, ebenso wie 120 Jahre später die amerikanische mit ihren „Tea Parties“, prominent figurieren. Diese Prozesse werden in den jeweiligen atlantischen Kontext eingebettet und in einer Tradition widerständiger Diskurse verortet, die von einem „Netzwerk“ der Seeleute und der Sklaven tradiert wurden. Die wichtigen Revolutionen der behandelten Epoche scheinen fast alle in den atlantischen Hafenstädten ihren Ausgang genommen zu haben. Linebaugh und Rediker schaffen es, diese These plausibel vorzutragen; die Evidenz ihrer Quellen ist beeindruckend, ihr theoretisches Rüstzeug überzeugend, und sie formulieren all dies in einem ebenso packenden wie präzisen Stil. Die „Vielköpfige Hydra“ ist eines der herausragenden historiografischen Werke der vergangenen Jahre.
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