In seinem Buch »Die große Wut und die kleinen Schritte« zeigt Peter Birke aber auch die Zwiespältigkeit der »Organizing«-Bestrebungen, die zumindest von Teilen des Gewerkschaftsapparats lediglich als neuer »Marketingtrend« verstanden und praktiziert werden. Der Autor spricht in diesem Zusammenhang von der »bequemen Vorstellung (…), daß es beim Organizing vorrangig um eine neue Technik gehe, um einen systematisch komponierten Komplex von Handlungsanweisungen, der hinsichtlich seiner sozialen und politischen Bedeutungen neutral sei«.
Ohne Wenn und Aber begrüßt Birke gewerkschaftliche Versuche, Unzufriedenheit, Unmut und diffusen Widerstand unter den Beschäftigten (»labor unrest«) in (politische) Form zu bringen, zu organisieren: »Eine alltägliche Arbeit an innerbetrieblichen Konflikten und ihrer kollektiven Artikulation kann als der vielleicht größte Verdienst der Organizing-Projekte angesehen werden«, schreibt er. »Im Zentrum stehen hier die Arbeitenden selbst. Das Gewerkschaftsverständnis, das auf dieser Grundlage ins Spiel kommt, unterscheidet sich in diesem Sinne grundlegend von allen traditionellen Ansätzen, einschließlich der meisten marxistischen Varianten.«
Birke ist aber unabhängig genug, den »ambivalenten Charakter der bisherigen Organizing-Politik« zu erkennen: »Diese ist davon geprägt, daß es einerseits um das Ziel geht, die Gewerkschaft als (letztlich bürokratischen) Apparat zu retten, andererseits um den Wunsch nach einer basisdemokratischen und kämpferischen Gewerkschaftspolitik.« Und so stößt man in der gewerkschaftlichen Praxis neben ermutigenden Ansätzen immer wieder auch auf jene Spielart des »Organizings«, die letzlich nichts als eine »Innovation autoritärer Sozialtechniken« ist, »entpolitisierte Psychotechnik« zur »Rationalisierung« von »Hierarchie und Bürokratie«.
Wenngleich man »das aktuelle Interesse einiger Gewerkschaftsführer« also nicht als Entscheidung mißverstehen darf, »sich mangels Tanzpartnern wieder mehr am Ringkampf zu orientieren«, tun sich dennoch neue Perspektiven für eine kämpferische Klassenpolitik auf: »Die Chance besteht aus meiner Sicht nicht darin, daß sich dieser oder jener Gewerkschaftsführer so oder so entscheidet«, betont Birke, »sondern in der Offenheit der Situation.« Die Arbeits- und Lebenswelt sei »nunmehr auch in der Bundesrepublik von einer massenhaften Erfahrung entgarantierter und diskontinuierlicher Arbeitsverhältnisse geprägt«. Die Arbeiterklasse ist nicht mehr das, was sie mal war, unter dem Druck der neoliberalen Angriffe wird der Gesamtarbeiter aufgemischt und gezwungen, sich neu zu sortieren. In dieser Umbruchsituation kann durch Organizing »ein möglicher Beitrag zu dem geleistet werden, was die Operaisten früher als Umschlag von der technischen in die politische Neuzusammensetzung der Klasse bezeichnet haben«. »Dabei ist es allerdings entscheidend, wer das Wort ergreift – und nicht gelegentlich zum Schweigen gebracht wird. Organizing, so verstanden, ist weder Boxen noch Tanzen, keine neue Waffe im Arsenal der Gewerkschaftsstrategen, sondern die mögliche Aneignung des Rings durch eine neue soziale Figur, die auf der Grundlage der bis jetzt noch sehr verstreuten Konflikte ihre sozialen und politischen Rechte einfordern wird.« |