Regelrechten Sprengstoff enthält die 2008 erschienene Studie der Hamburger Turkologin und Übersetzerin Corry Guttstadt. Diese Studie ist deswegen so brisant, weil sie einen Mythos zum Einsturz bringt: den von dem die europäischen Juden nach allen Kräften rettenden neutralen Staat am Bosporus.
Guttstadts Studie, die keineswegs nur den Holocaust, sondern die ganze Geschichte der Juden in der kemalistischen Türkei seit den 20er-Jahren penibel auf Basis von neu erhobenen Quellen darstellt, zeigt, dass das schöne Bild nicht stimmt. Die einzelnen mutigen Taten türkischer Botschafter und Konsularbeamter im von den Deutschen besetzten Europa stellen mit Blick auf die Haltung der Türkei bestenfalls ein Viertel der Wahrheit und damit eine ganze Lüge dar.
Guttstadt weist nach, wie der jungtürkische und kemalistische, auf Homogenisierung von Armeniern, Kurden und Juden zielende Nationalismus vor und nach dem Ersten Weltkrieg Abertausende türkischer Juden zur Auswanderung nach Europa, nach Deutschland, Frankreich und in die Benelux-Staaten trieb und zwar so, dass die ersten und größten türkischen Kolonien etwa in Paris und Berlin vor allem aus Juden bestanden. Die Türkei beließ diese Menschen in oft ungeklärten konsularischen Statusfragen, so dass bald Abertausende türkischer Juden unter den Einfluss Deutschlands gerieten, sie aber ihrer „neutralen“ Staatsangehörigkeit wegen zunächst noch vor Deportationen in die Vernichtungslager geschützt waren. Die kemalistischen Passgesetze besagten, dass ehemalige osmanische Staatsbürger, die nicht am „Befreiungskampf“ in den frühen 20er-Jahren teilgenommen hatten, nicht in die Türkei zurückkehren durften.
Mitte des Jahres 1942 stellte die nationalsozialistische deutsche Reichsregierung verschiedenen neutralen Staaten ein Ultimatum, ihre jüdischen Bürger, die noch in Westeuropa lebten, zu repatriieren, so auch im Oktober des Jahres der Türkei. Trotz erheblichem deutschen Druck reagierte die Türkei nicht, räumte indes ein Jahr später, 1943, immerhin ein, begründete Einzelfälle zu prüfen, entzog aber gleichwohl in den Jahren 1942 bis 1944 Tausenden türkischen Juden im besetzten Europa die Staatsbürgerschaft – und das, wie Corry Guttstadt nachweisen kann, dem Umstand zum Trotz, dass man sich in den politischen Kreisen Ankaras spätestens 1943 ein genaues Bild über die Ermordung der in Europa vegetierenden Juden machen konnte. Man wird also im Fall der damaligen türkischen Regierung nicht nur von unterlassener, sondern von wissentlich unterlassener Hilfeleistung sprechen müssen.
Corry Guttstadts ebenso umfassende wie differenzierte Arbeit wird auf Jahre hinaus das Standardwerk zum Thema bleiben.
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