Mike Davis, Ökonom und Stadtsoziologe aus Kalifornien, wurde in Deutschland vor allem durch „City of Quartz. Ausgrabungen der Zukunft in Los Angeles" (Assoziation A, 1994), bekannt. Nach mehrjähriger Recherche legte er 2001 die umfangreiche Analyse „Late Victorian Holocausts. El Niño Famines and the Making of the Thirld World“ vor, die im Sommer 2004 unter dem Titel „Die Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter“ erschienen ist, hervorragend übersetzt von Ingrid Scherf, Britta Grell und Jürgen Pelzer.
Wir sind so reich, weil sie so arm sind. Oder: Sie sind so arm, weil wir so reich sind. Natürlich erscheint und ist das zu banal. Aber dennoch: Bei der (nicht einfachen) Lektüre der „Politischen Ökologie des Hungers“ von Mike Davis wird es immer wieder beschrieben und mit einer Unmenge von Fakten und historischen Dokumenten detailgenau belegt: Das Elend der Dritten Welt, ja die „Dritte Welt“ selbst ist unmittelbare Folge von Klimakatastrophen, den dadurch bedingten Hungersnöten und der zeitgleich erfolgenden gnadenlosen Eingliederung der Wirtschaftssysteme weiter Teile der südlichen Hemisphäre in die liberalistische Freihandelsideologie während des Siegeszuges des vor allem durch das britische Empire im 19. Jahrhundert beherrschten Imperialismos entstanden.
Die Hauptthese von Davis ist, dass die Klimakatastrophe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, während der vor allem in Indien, Äthiopien, China und Brasilien mindestens fünfzig Millionen Menschen verhungerten, der Auslöser für die „Geburt der Dritten Welt“ ist und in der Folge ein „Holocaust“ stattfand (für die deutsche Übersetzung wurde Massenvernichtung als Entsprechung gewählt). Diese Klimaschwankungen im 19. Jahrhundert, die von der Meteorologie als ENSO (El Niño/Southern Oscillation), Oszillation von Luftmassen und Meerestemperatur im Pazifikbecken, beschrieben werden, führten zu radikalen klimatischen Verschiebungen wie etwa dem Ausbleiben des Monsunregens. Gab es solche klimatisch bedingten Katastrophen schon immer, führt Davis an vielen akribisch recherchierten Beispielen aus Indien, Brasilien und China vor, dass die liberalistische Kolonialideologie tradierte Vorratsstrukturen zerstörte, die „ledernen Gesetze“ staatlicher Nothilfe durch die „eisernen Gesetze“ der Kolonialherren ersetzte und so die traditionellen Formen des Katastrophenschutzes und der "ökologischen Vorsorge" im Namen des Fortschritts während des "imperialistischen Zeitalters" zerstört wurden.
Illustriert werden diese Studien durch historische Fotos von verhungernden oder verhungerten Menschen, die verstehen lassen, warum der Autor im Original den Titel „Late Victorian Holocausts“ gewählt hat. Damit stellt sich Davis diametral der Erklärung gegenüber, wonach die beginnende Industrialisierung Menschenleben hätte retten können, wenn sie dort zum damaligen Zeitpunkt schon weiter fortgeschritten gewesen wäre. „Millionen starben nicht außerhalb des »modernen Weltsystems«, sondern im Zuge des Prozesses, der sie zwang, sich den ökonomischen und politischen Strukturen anzupassen. Sie starben im goldenen Zeitalter des liberalen Kapitalismus; viele wurden, wie wir sehen werden, aufgrund der dogmatischen Auslegung der orthodoxen Prinzipien von Smith, Bentham und Mill regelrecht ermordet", so Davis.
Mit analytischer Schärfe in der Tradition der Kritik der politischen Ökonomie sowie enorm detailreichen, aufwändig recherchierten Länderstudien erzählt Mike Davis Geschichten und analysiert die Geschichte des viktorianischen Kolonialismus wie einen Wirtschaftskrimi und definiert so den „Ökologischen Imperialismus“ neu. Die Grundlagen für die bis heute andauernde extreme globale Ungleichheit wurden für Davis in dieser Zeit gelegt, und Hungersnöte, Verarmung und die Zerstörung der (in keiner Zeile romantisch verklärten) Subsistenzwirtschaft in den Ländern des Südens haben die „Dritte Welt“ entstehen und die Kolonialherren reich und wohlhabend werden lassen: Wir sind so reich, weil sie so arm sind. Wer diesen Mechanismus besser verstehen will, der sollte sich auf das Werk von Mike Davis, das 2002 mit dem World History Association Book Award ausgezeichnet wurde, unbedingt einlassen.
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