»Crossing the Border« sprengt in vielerlei Hinsicht Grenzen. Zum einen wird der nationalstaatliche Rahmen verlassen, den die Geschichtsschreibung der Arbeit bis weit in die neunziger Jahre hinein pflegte, zum anderen werden Arbeitsgeschichte und Migrationsgeschichte und die Geschichte des Rassismus gemeinsam diskutiert. Da das Buch sich sowohl an historisch interessierte Leser richtet als auch an linke Aktivisten, sorgt es nicht zuletzt dafür, die oftmals anachronistische Trennung in Migrations- und Antirassismusarbeit und Gewerkschaftsarbeit zu überwinden. Justin Akers Chacón und Mike Davis ... zeigen das Doppelgesicht der Migration: Zum einen soll Migration im Sinne der Unternehmer ausgenutzt werden, um herrschende Lohnstandards zu unterlaufen und vielfältige Spaltungslinien unter den Arbeitern zu generieren. Zum anderen behaupten sich aber die Einwanderer, suchen ihr Glück, schließen sich kollektiv zusammen und wehren sich gegen ihre Ausbeutung als billige Arbeitskräfte. So macht dieses Buch nicht zuletzt mit dem »anderen Amerika« vertraut, mit einem Amerika des Kampfes, für das sich die neue Linke nach 1968 stark interessierte. ... Das Buch beginnt mit der Geschichte des Klassenkampfs von oben gegen die Ansprüche und Kämpfe der Migranten. ... So verfolgt Davis die Geschichte von Pogromen, rassistischen Übergriffen und Gewalt in der US-amerikanischen Geschichte, die er in den Kontext rechtsextremistischer und faschistischer Gewalt stellt. Die Gewalt ging von Gruppierungen aus, deren Klassenzusammensetzung verdächtig homogen war: Vertreter der örtlichen Elite, meist deren junge Söhne, stützen eine Ausbeutungsordnung, die Davis als »ländlichen Faschismus« bezeichnet, und treten gegen unbotmäßige Arbeiterinnen und Arbeiter mit Migrationshintergrund auf.
In dem zweiten Teil des Buches geht Justin Akers Chácon in einer Mischung aus wissenschaftlicher Arbeit und Reportage auf das von Kolonialismus geprägte Verhältnis der USA gegenüber Mexiko und Mittel- bzw. Südamerika ein. Wir bekommen im Parforceritt vom mexikanisch-amerikanischen Krieg Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu den NAFTA-Verträgen die Geschichte von Expansion und Dominanz präsentiert. Doch wer schon immer auf klare Weise den Zusammenhang von »ursprünglicher Akkumulation«, also der Vertreibung der Bauern von ihrem Land, von Privatisierung der landwirtschaftlichen Ejidos in Mexiko, Zwang zu Migration und Kämpfen gegen ein Leben in den Sonderwirtschaftszonen und Weltmarktfabriken der Maquiladores präsentiert haben will, ist hier an der richtigen Adresse. ... Chacon präsentiert das Bild eines regelrechten »Kriegs gegen die MigrantInnen«. ...
Chacon und Davis zeigen eindrucksvoll, daß Gewerkschaftspolitik fehlgeht, wenn sie in der Abschottung gegenüber Einwanderern mündet, um Lohnstandards zu verteidigen. Ein neuer Trade Unionism könnte auf die alten Erkenntnisse der IWW zurückgreifen: Nur der gemeinsame Kampf um Rechte und gegen Ausbeutung und die Zurückweisung jeder Grenzziehung und des Rassismus hilft gegen das Regime des globalen Kapitalismus. |