Vor über einem Vierteljahrhundert kam ein Buch heraus, das viele als »Bibel der Autonomen«, also der militanten westdeutschen Sozialbewegung der 80er Jahre, bezeichneten. Der Titel war Programm: »Leben als Sabotage«. Sein Autor war einer der wenigen sozialrevolutionär gebliebenen Aktivisten, die sich in den 70er Jahren von einer spezifischen Lesart des Marxismus in Italien, in dem der Klassenkampf als primär angesehen wurde, inspirieren ließ: die Rede ist von Detlef Hartmann. Hartmann hat sich nun zusammen mit dem Ko-Autoren Gerald Geppert der neuen Etappe des Kapitalismus angenommen – ohne dem alten, sozialstaatlich eingepackten Kapitalismus in der Retrospektive menschliche oder bessere Züge attestieren zu wollen. An vielen Stellen des Buches wird eindrucksvoll illustriert, wie sehr das fordistisch-wohlfahrtsstaatliche »Modell Deutschland« im Westen den Nazismus beerbte und die deutsche »soziale Marktwirtschaft« bloß den Faschismus modernisierte.
Aktuell steht ein – wie sie schreiben –neuer »Paradigmenwechsel« an: Heutzutage wird das ursprünglich im Faschismus zu propagandistischen Zwecken der »Volksmobilisierung« gebaute Volkswagen-Werk in Wolfsburg mittels neuester Managementstrategien umgebaut. Geppert zeigt, wie der Unternehmensberater McKinsey, die VW-Werke und die Stadt Wolfsburg mit der regionalen Entwicklungsgesellschaft Südostniedersachsen e.V. an der vollständigen Ausrichtung und Neuzusammensetzung der Region arbeiten, um im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu werden und die Krise der Automobilindustrie in den 90er Jahren zu überwinden. ... Hartmann meint hier eine neue Strategie des Kapitals herauszulesen, die mit dem Begriff Cluster (Häufung, Konzentration von ökonomischen Aktivitäten) auf den Punkt zu bringen ist. »Cluster«, so schreibt er, » bedeutet die organisatorische Bündelung und Intensivierung innovativer Energien, gepaart mit den aggressiven Sozialstrategien des postfordistischen Kapitalismus in der Region.« Nicht Adam Smith mit seiner unsichtbaren Hand, nicht die Anarchie des Marktes machen die neue Etappe des Kapitalismus aus, sondern eine allumfassende Mobilisierung des Subjekts zu Verwertungszwecken, eine Mobilisierung des Individuums, das gleichzeitig verdammt ist, sich selbst zu aktivieren, wenn es nicht untergehen will. Die marktwirtschaftliche Rationalität soll Herz, Verstand und Körper des je Einzelnen total besetzen und liegt verdoppelt in der Technologie vor, die als neutral zu bezeichnen ein großer Irrtum wäre. Hartmann schildert plastisch, wie das Prinzip der permanenten Selbstaktivierung in der Unternehmensberatung und in den Arbeitsagenturen angewendet und bis in die Universitäten hineingetrieben wird. Die entwürdigenden »Selbsteinschätzungsseminare«, die die »Agenturen für Arbeit« und ihre Helfershelfer organisieren, erinnern Hartmann nicht umsonst an die vom französischen Philosophen Michel Foucault beschriebenen mittelalterlichen Exerzitien.
Besonders in dem Vorwort liefern die Autoren eine Gesellschaftskritik, die man schon lange nicht mehr gehört hat und – gerade auch in Publikationen aus dem Spektrum der parlamentarischen Linken – systematisch ausgegrenzt bleibt. ...
Hartmann hält daran fest, daß die Ausdehnung der Zumutungen des Kapitals nicht grenzenlos ist. Damit widerspricht er einer affirmativen Tendenz innerhalb der aktuellen Soziologie, die jegliche Behauptung von Naturhaftigkeit, Grenzen und moralischen Widerständen als in künstlichen Lebenswelten hoffnungslos rückschrittlich und überholt diffamiert. Möglich ist alles, nichts ist unmöglich, so der fröhliche Chor, der den Angriffscharakter des Kapitalverhältnisses systematisch ausblendet. ... Hartmann sieht das neue Terrain der Auseinandersetzung nicht auf der Ebene des Klassenkampfes, sondern aufgrund des auf die »Seele« gerichteten Zugriffs des Kapitals in der Selbstbehauptung. Alles in allem ist das Buch ein Plädoyer, die im wahrsten Sinne des Wortes totalitäre Dynamik des aktuellen Kapitalismus in den Blick zu bekommen. |