Diese Anthologie ist eine zentrale Quelle, die die Ereignisse rund um die Räumung des Ungdomshuset erschließt. Das Buch (...) enthält 15 Beiträge einschließlich eines beigefügten Kunstprojektes ("Mapping Copenhagen"). Es geht um das Ungdomshuset, aber auch um Christiania, um die urbanen Kämpfe und die alternativen Bewegungen, die Kopenhagen 40 Jahre lang geprägt haben. (...) Alle Autor_innen haben selbst einen Bezug zu dem Ungdomshuset, zu Christiania und/oder zur radikalen Linken. Sie interpretieren die Ereignisse mit verschiedenen Stimmen. Man ist fast versucht, das eine Art "Plenum" zu nennen, in dem Interviews sich mit theoretischen Artikeln abwechseln. (...) Auch Abschnitte, die eher die alltägliche Situation in sozialen Zentren wie die Konflikte zwischen den dortigen "Hausmeistern und Philosophen" schildern, tragen auf diese Weise zum Verständnis des ideologischen Ballastes der Freiraumbewegung bei. Gleichzeitig wird dargestellt, wie sich Kopenhagen seit der zweiten Industrialisierung der 1960er Jahre entwickelt hat, wie die traditionellen Arbeiterviertel in den "Brückenvierteln" nach und nach entmietet wurden und sich angesichts der modernistischen Aufteilung zwischen Arbeiten und Wohnen ("Fingerplan") mit der Zeit veränderten. (...) Im Abschnitt "Wonderful, wonderful - Kopenhagen im Boom" sind die brennenden Müllcontainer und Autos der Ausgangspunkt, und mit dem Begriff der "mobilen Barrikade", die etwas definiert und abgrenzt, wird der Blick auf die Ökonomisierung und Inwertsetzung des öffentlichen Raumes nach dem Ende des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates gelenkt. Der Artikel bezieht sich auf Walter Benjamins Passagenwerk; an der einen oder anderen Stelle werden in diesem Geiste ästhetische Bewertungen einzelner Sachverhalte mit der Kritik politischer und ökonomischer Prozesse assoziiert, doch generell wird die gesellschaftliche Perspektive beibehalten. (...) So sind auch nicht die derzeitige bürgerliche Regierung und eine diffuse "Normalisierung" oder Ritt Bjerregårds Kommune und die Vaterhaus-Sekte im Fokus, sondern vielmehr die strukturelle und politisch von allen Seiten gewollte Entwicklung hin zur "Gentrifizierung", dem Auswechseln der Einwohner_innen bestimmter Viertel im Zuge von Preissteigerungen und der Verwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen, die durch den Angriff auf Sozialeinkommen und egalitäre soziale Rechte ergänzt wird.
Auf dieser Grundlage schildert das Buch, indem es sich zu einer gesellschaftlichen Analyse und historischen Quelle weiterentwickelt, wie es zum Aufstand im März 2007 kam. In einer Reihe Interviews erläutern Menschen, die in unterschiedlicher Weise in der Bewegung aktiv waren, was aus ihrer Sicht geschah, in den Begriffen der Praxis, in Bezug auf Taktiken und Ziele. (...) [Dabei ist klar], dass die Verfasser und die Zielgruppe des Buches mit den von ihnen beschriebenen Projekten und "Freiräumen" sympathisieren. [...] Trotzdem ist der Text nicht nur für diejenigen interessant, die mit dieser Prämisse einverstanden sind. Im Gegenteil, denn es findet sich hier eine Historisierung und soziologische Einsicht, die ansonsten in der Vermarktung von Presseerzeugnissen oder der Botschaft "Das sind alles verwöhnte Jugendliche" erstickt bleibt. Hier werden die Perspektiven konkret, auf das Jetzt bezogen aufgemacht, und während die AktivistInnen davon sprechen, wie ihre Perspektive einer Bewegung gegen die Ökonomisierung der Stadt aussieht, werden stärker verschlüsselte und szeneinterne Begriffe wie "Freiraum" ausführlich und einfach erklärt und debattiert. (...)
So kommen etwa zwei deutsche Aktivst_innen mit einem Hintergrund in der BZ-Kultur Hamburgs zu Wort, die die Kopenhagener Bewegung mit größerer Distanz sehen. (...) Während die dänischen Aktivist_innen in Bezug auf das neue Haus weitaus positiver gegenüber der formellen Eignerschaft der Kommune sind und dem Fonds Jagtvej 69 vertrauen, sehen die deutschen Aktivist_innen stärker die Gefahr einer Entpolitisierung. (...) Gleichzeitig betont die Anthologie die Verbindung zwischen den Freiraumkämpfen und den Protesten gegen den Abbau des Wohlfahrtsstaates, die in den letzten Jahren stattgefunden haben. Auch die unterschiedlichen Perspektiven der deutschen und dänischen Aktiven weisen auf diese Verbindung hin, selbst wenn aus der Fusion der beiden sozialen Bewegungen nicht sofort etwas geworden ist.
Aus meiner Sicht wird der Kampf um Ungdomshuset für eine ganze Generation einen besonderen, markanten biografischen Stellenwert behalten, ja, vielleicht wird "2007" so etwas wie der Rahmen einer Generations-Identität, ähnlich wie "1968". In diesem Zusammenhang wird "Besetze deine Stadt!" in einer Reihe mit anderen Projekten wie der Analyse und Dokumentation von SMS-Nachrichten aus den Barrikadentagen durch die "Dansk Folkemindesamling" (Dänische Sammlung zu alltäglichen Erinnerungskulturen) eine zentrale Quelle und ein Schlüssel zu den Ereignissen und ihrer unmittelbaren Rezeptionsgeschichte sein.
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