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Sami Khatib "Bestimmte Negation" aus de-bug 83
Carla Lee ist ein "Bastard": portugiesische Mutter, koreanischer Vater, Kindheit in Dortmund und ein Zwischenspiel in Berlin. Identitätsfragmente, Loyalitätskonflikte, Rückblenden und Perspektivwechsel verweben sich mit Politik, Sex und Bulimie zu einer spannenden, gut recherchierten Postmigrationsstory. Die 27 jährige Carla taucht als "Auslandskoreanerin" und Journalistin in die Abgründe eines koreanischen Politskandals ein, ohne sich jemals "Heimkehrerin" zu fühlen oder den politischen Kampf ihres emigrierten Gewerkschaftsvaters führen zu wollen. Die Protagonisten Carla, ihr Freund und "Abiturtürke" Cem und ihre deutsch-koreanische Freundin Lina leben in einer Realität, in der die Begriffe Heimat, Zugehörigkeit und Identität nicht nur absurd geworden sind, sondern längst nicht mehr als essentieller Mangel artikuliert werden können. Der Berliner Autor, Politaktivist und Journalist Raul Zelik hat mit "Bastard“ sein drittes Buch vorlegt und wird derweil von der Süddeutschen Zeitung schon als der "Manu Chao der deutschen Popliteratur" gefeiert: Ein Lob, von dem man Zeliks "Bastard" in allen Punkten freisprechen muss. So nervig wie irrelevant das Genre "deutsche Popliteratur" im deutschen Feuilleton seine Selbstreferenzen und Belanglosigkeiten hyperventilieren durfte, bis die Generation Golf endlich auf ihr Stammklientel aus BWLern, Werbeheinis und überschüssigen Deutschlehrern eingeschmolzen war, so klar und direkt formuliert Zelik ein Gegenmodell: "Bastard" arbeitet mit modernen Stilmitteln, Ausdrucksformen und Produktionsmitteln, ohne sich einen Pop-Popanz drum zu scheren. Zeliks Roman kann zwar als back to content-, back to politics-Intervention gelesen werden, nicht aber als reaktionäres Polit-Besinnlichkeitsgeschwafel, das mit Migrationsbiographien ihr Opferidentifikationsbedürfnis befriedigt. "Back to" meint hier mindestens den Sprung aufs nächste Level, remember Hegels "bestimmte Negation". www.de-bug.de
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Hannes Loh aus intro
»Raul Zelik könnte so etwas wie der Manu Chao der deutschen Popliteratur werden«, das findet die Süddeutsche Zeitung, und auf diesen Chao-Zelik-Vergleich ist der Autor sicher mächtig stolz. Klingt so nach neuem Movement im Kulturbetrieb, nach frechem attac!-Style und antiglobalem Schreib-Schick. Bei Lichte betrachtet ist das völliger Blödsinn. Raul Zelik schreibt weder so inbrünstig empathisch, wie Manu Chao singt, noch macht er überhaupt Popliteratur. Wenn schon Vergleiche zur Popmusik bemüht werden, dann hat Zeliks Stil etwas von der gebrochen-subversiven, hoffnungslos-hoffnungsvollen Haltung eines Frank Spilker (auch wenn der Sound der Sterne nicht unbedingt der geeignete Soundtrack zu Zeliks Romanen ist). Sein mittlerweile dritter Roman ›Bastard – Die Geschichte Der Journalistin Lee‹ erzählt einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben der Carla Lee, einer jungen Dortmunderin, die sich auf den Weg nach Korea macht, dem Land ihres Vaters, um dort nach irgendwas zu suchen. Carlas Kumpel Cem, ein liebenswerter und im Gegensatz zu Carla fast ausgeglichener Kerl, der aus dem sauerländischen Iserlohn stammt, begleitet Carla – nicht physisch, aber in Erinnerungen, Briefen und Gedanken. Zelik vermeidet von Beginn an Eindeutigkeiten und Klischees. Die Charaktere stecken in Widersprüchen, und manchmal müssen sie sich erbärmlich darin winden. »Alles ist so süß und zuckrig, klebrig vermutlich« und »Hält dich das aus, was dich aufhält, gehörst du dazu, und wie hältst du das aus?« hört man Spilker manchmal im Hintergrund raunen. Dass Raul Zelik eben keine deutsche Popliteratur schreibt, zeigt schon der Aufwand an Erzählperspektiven, den er betreibt. Seine Geschichte ist spannend, ohne spektakulär zu sein. Die Art, wie er seine Figuren leben, scheitern und hoffen lässt, ist außergewöhnlich und eben alles andere als die übliche deutsche Mittelstandsnarkose. www.intro.de
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Doris Achelwilm "Figur der gefestigten Unruhe" aus Spex
(der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der spex-Redaktion)

Raul Zelik fasst gelebtes Unbehagen in Worte. Die Journalistin Carla Lee kämpft in seinem Roman »bastard« zwischen Hunger und Scham um klare Sicht aufs wenig Schöne.
Worum geht’s. Worum geht es dieser 27-jährigen Dauerstudentin der Soziologie mit so genannter Patchwork-Identität, nebligen Renitenzgelüsten und zäher Bulimie im Gepäck? Raul Zelik weiß es. Wollte es vielleicht wissen, um vertreten zu können, dass es darauf keine Antwort, aber eine randvolle Geschichte gibt. »bastard. die geschichte der journalistin lee« heißt sie nun. Und trägt damit einen Titel, der lapidarer scheint, als er (gemeint) ist.
Carla Lee nämlich, in Dortmund aufgewachsene Tochter einer portugiesischen Mutti und eines koreanischen Imbissbudenbetreibers, glaubt nicht daran: Nicht an Sinn und Substanz ihrer Geschichte, nicht an ihr ernst zu nehmendes Dasein als Journalistin. Die Gründe sind Carla selbst suspekt, wiegen aber schwer. Während die Anderen ihres Alters und ihrer »Möglichkeiten« den erfolgreich genannten Weg gehen, eiert sie im Feld des kulturellen Kapitals herum – in Friedrichshain, der Wahlheimat, für die sich »die junge Bevölkerung mit Hamburger-Schule-V-Ausschnitt oder Deleuze-Rollkragen und Pizzicato-5-Hornbrille und Spex-Abonnement« ebenfalls entschieden hat. Sie ist Teil davon. Oder auch nicht. Und schreibt nebenbei für links-nostalgische Klitschen, bei denen man etwas Distinktion und Trinkgeld verdient, während der nicht-deutsche Name in der Autorenzeile eine Spur Glaubwürdigkeit auf die Gazette zurückwirft. Wenn der Druck des »get a life« ein Ventil braucht, wird gegessen und gekotzt. Der Rest ist Selbstanspruch und -kontrolle, also Hunger und Scham. Ungesund.
Um sich von diesem Krebs abzugrenzen, bricht Carla schließlich nach Korea auf, Seoul. Es gibt Verwandte dort, eine Freundin und die Vergangenheit des Vaters, der als Gewerkschaftsführer einst für Bewegung sorgte und nach wie vor Genossen und Gegner vor Ort hat. Ihre Ambition konnte Carla nicht hinter sich lassen, und so streut sie im neuen Umfeld die Ansage, als freie Journalistin arbeiten zu wollen. Wenig später steckt sie in den Recherchen zur Ki-Yop-Katastrophe fest, einem fast schon verjährten Hochhauseinsturz, dessen brisante Ursache »von oben« vertuscht worden ist. Als ihre Reportage schließlich in gezähmt-redigierter Version gedruckt wird, liegen Erfahrungen hinter Carla, die einschneidend, aber nicht wirklich unbekannt waren: Repression, Fremde, Grenzen und Wände, Energieverlust, Kapitalismus und immer wieder der eigene Kopf. Sie fährt zurück, Deutschland, bleibt alles anders.
Ein Verlauf, der sich bei Zelik weniger ernüchternd liest als hier. »bastard« handelt von unguten Illusionen, schon. Von einer Frau, die mitunter »Figur« oder »Icon« genannt wird – offenbar, weil sie sich selbst und anderen nicht genug ist und deswegen lieber den Schein oder die Sehnsucht nach mehr wahrt. Was die Gedanken, Erzählperspektiven und Schnitte in »bastard« letztlich zusammenhält, ist die gefestigte Unruhe, mit der Carla Lee auf sich und die ebenfalls zerrissenen Verhältnisse blickt – ob sie als Ausdruck ihrer Sicht z.B. gar nicht so fiktive Catwoman-Szenen schreibt oder genervte Stadtteilstudien runterrappt. Ihre klare Sicht aufs wenig Schöne: Problem und Gabe gleichzeitig. Gut, dass da noch die wohlwollende Perspektive von Cem ist, dem »Abitutürken«, der Carla – loving the alien – so oder so begleiten wird. Und ein Autor, der ausformuliert, was seine Haupt»figur« nicht glauben kann: Dies ist die Geschichte der Journalistin Lee. Worum es geht? Ganz einfach: um ein »Weiter«, gelebtes Unbehagen, die paar Freunde, die man hat, und das kerngesunde Einklagen der Gegenkräfte, die man manchmal nicht hat.
(aus Spex, Nr. 275, 04/2004)
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