Über die Novemberrevolte von 2005 in den »Banlieues«, den hauptsächlich von Menschen mit Migrationshintergrund bewohnten Trabantenstädten, ist inzwischen viel geschrieben und spekuliert worden. Von seiten der bürgerlichen Medien wurden die rebellierenden Jugendgangs abwechselnd zu islamistischen Fanatikern, zu notorischen Kriminellen und Vergewaltigern oder zu Opfern gewaltstiftender Rap-Musiker gestempelt. Die sozialen Ursachen der Auseinandersetzungen wurden hingegen kaum thematisiert. …
Es ist ein Verdienst der als »Kollektiv Rage« auftretenden Sozialwissenschaftler, Journalisten, Rechtsanwälte und linken Aktivisten, in dem Band »Banlieues. Die Zeit der Forderungen ist vorbei« die Hintergründe der damaligen gewaltsamen Proteste samt der Motivation ihrer Akteure zu beleuchten. Das Buch vereint sehr unterschiedliche und auch widersprüchliche Texte. Sehr lesenswert ist es vor allem durch die eingestreuten Interviews von Emmanuelle Piriot, Rosa Luna und Kamil Majchrzak mit Bewohnern der Banlieues, Beteiligten der Novemberrevolte und vor Ort tätigen Soziologen.
Analytisch flankiert wird dieser mehr dokumentarische Teil durch eine Schilderung der Entstehung der Banlieues von Emmanuelle Piriot und die von der Soziologin Ingrid Artus vorgenommene Untersuchung der Ursachen der Revolten. … In dem Maße, wie hochqualifizierte und gut bezahlte Jobs gebürtigen Franzosen vorbehalten blieben (im Vorwort des Buches heißt es: »gnadenloses System der Apartheid«), kam zu der sozialen Ausdifferenzierung die ethnische. Zu sozialem Sprengstoff wurden die so entstandenen Migrantenvorstädte aber erst mit der in den 1970er Jahren einsetzenden Wirtschaftskrise und der daraus resultierenden Massenarbeitslosigkeit. Die Mehrzahl der Jugendlichen befindet sich in einem Teufelskreis von sozialer Ausweglosigkeit und rassistischer Diskriminierung, von Armut und staatlicher Repression. Als einzige Überlebensmöglichkeit bleiben prekäre Arbeitsverhältnisse und/oder Verstrickung in die halbkriminelle Schattenwirtschaft. Diese Situation einer ganzen Generation ist die eigentliche Ursache für die Unruhen in den Banlieues.
Wie in dem Band weiter dokumentiert ist, stammen die meisten Mitglieder der Jugendgangs zwar aus moslemischen Familien, sind aber vor allem durch die Ghettokultur geprägt; die islamischen Gemeinden in den Ban¬lieues riefen sofort nach Ausbruch der Revolte zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung auf – ohne nachweisbaren Erfolg. In Musiktexten der Jugendkultur sind Elemente von Gewaltverherrlichung zwar vorhanden, sie werden von den Medien aber überbewertet. Thematisiert werden primär das Gefühl der permanenten Diskriminierung, des Ausgegrenztseins sowie die Wut über Schikanen durch Angehörige der Polizei und privater Sicherheitsfirmen. … |